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5 wunderschöne Kurzgeschichten von Gabriel Aziz Loutaif, einem argentinischen Schriftsteller – PDF-Versionen

Entdecken Sie fünf wunderschöne Geschichten von Gabriel Aziz Loutif, einem großartigen argentinischen Schriftsteller. Die Sammlung umfasst sowohl Kurz- als auch Langgeschichten und ist im PDF-Format verfügbar.

5 wunderschöne Kurzgeschichten von Gabriel Aziz Loutaif, einem argentinischen Schriftsteller – PDF-Versionen

Über den Autor
Tabla de contenido

Gabriel Aziz Loutaif


Gabriel Aziz Loutaif
60-jährige
Schriftsteller

Erstveröffentlichung: (1986) Rückkehrende Bilder,
Gedichte.
Zweite Veröffentlichung: (1996) Von irgendwoher des Restaurants
Sky, ein Roman. Dritte Veröffentlichung: (2006) Das Wunder von
Roses
, ein Roman, dessen Titel ich im Laufe der Jahre geändert habe zu Hat jemand Elias Massud weggehen sehen?
Im Jahr 2010 gewann sie den ersten Preis für Kurzgeschichten.Der Meridian des Wortes, in Paraná, Zwischen Flüssen, dessen Titel „Seine Leidenschaft für Renoir“ lautet und der von der Argentinischen Schriftstellervereinigung (SADE) verliehen wurde. Er wurde eingeladen, Mitglied dieser Institution zu werden. Anthologie mit
Die Gewinner dieses Wettbewerbs. Im Jahr 2012 erschien die Gedichtanthologie „Nosotros“. Ebenfalls im Jahr 2012 wurde ein Roman veröffentlicht. Der aufgeschobene Mann, loder dass es anschließend noch zweimal neu aufgelegt und dann in englischer Sprache in Großbritannien veröffentlicht wird. Zwei Romane wurden 2019 von dem Verlag veröffentlicht.
Tregolam. Der verschobene Mann und hat jemand Elias Massud gehen sehen? Im Jahr 2021 erschien ein Roman, Als die Begonien in gefährlicher Krankheit zittertenVeröffentlicht von Sky Publicaciones, Montevideo, Uruguay. Im Jahr 2022: Kurzgeschichten. Das Verbrechen der Frau Vogel, Verlag Sky Publications.

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DAS VERBRECHEN VON FRAU VOGEL

An jenem kalten Morgen, als Frau Vogel ermordet aufgefunden wurde, war der Gestank, der sich im Haus ausbreitete und möglicherweise sogar in die Nachbarhäuser drang, so widerlich, dass die ersten eintreffenden Beamten die Fenster öffnen mussten, um den mutmaßlichen Tatort zu lüften. Als Streifenwagen auf der Straße auftauchten und mit der für einen Einsatz typischen Schnelligkeit parkten, wurden die Blicke der Umstehenden immer deutlicher. Sofort wurde eine Polizeisperre errichtet und das Eingangstor mit Absperrband versehen. Die Mordkommission untersuchte das Gelände und beobachtete vom Bürgersteig aus ein unbebautes Grundstück rechts sowie die Gärten und Höfe der Grundstücke hinter dem Haus der Verstorbenen. Links, direkt neben dem Haus der ermordeten Frau, befand sich eine recht alte, fast verlassene Hütte, die einem alten Gebäude sehr ähnlich sah. Es wurden verschiedene Möglichkeiten analysiert, die es dem Mörder ermöglicht haben könnten, unerwartet in das Haus einer alleinstehenden Frau einzudringen, die alle Voraussetzungen dafür mitbrachte, dass ein kranker und rücksichtsloser Geist einer solchen Absurdität erliegt. 

Das Haus war erst kürzlich komplett vergittert worden; vielleicht hatte die Frau angesichts der Einbruchserie in der Nachbarschaft diese Vorsichtsmaßnahme ergriffen, um solchen Vorfällen vorzubeugen. Wie die Polizei bemerkte, nützte das offenbar wenig, da der Mörder nicht einmal die Gitterstäbe durchtrennen musste, um in Frau Vogels Haus zu gelangen. Die Polizeipräsenz war so groß, dass sich das Gerücht wie Rauch aus einem Schornstein am grauen Himmel verbreitete, und die Menge, mit Ausdrucken von Überraschung, morbider Neugier und Empörung, erlebte eine Art kollektive Hysterie und fragte sich mit ängstlichen Gesichtern, wer Frau Vogel getötet haben könnte. Es war unerträglich, in der Gegend zu bleiben, da die unglückliche Frau schwer misshandelt und auf perverse Weise gefoltert worden war, mit unzähligen Schnittwunden an Unterarmen und Brust und fortgeschrittenen Verwesungsspuren an ihrem Körper. Als Beweis dafür führte der Kriminalbeamte an, dass der Todestag mindestens 48 bis 72 Stunden vor dem makabren Fundort gelegen habe, und antizipierte damit, basierend auf seiner Erfahrung, den Bericht, den der Gerichtsmediziner der Staatsanwaltschaft vorlegen würde.

Das Licht der Leuchtstoffröhren erhellte die Szene nur kläglich; dies führte zu der Annahme, dass der Angreifer möglicherweise nachts eingedrungen war und die Gegebenheiten des Hauses so gut kannte, dass er sich in aller Ruhe darauf vorbereitet hatte, das Verbrechen zu begehen, bei eingeschaltetem Licht und mit einer für die Polizei ungewöhnlichen Unerschütterlichkeit. Detective López Lozano befahl seinen Männern, den Tatort zu verlassen, um den Tatort zu sichern und so der Spurensicherung zu ermöglichen, ihre Arbeit mit übertriebener Gründlichkeit, die aber stets den Umständen angemessen war, durchzuführen. Anschließend ging er in den kleinen Vorgarten, um eine Zigarette zu rauchen, und beobachtete aufmerksam die Menge, als wolle er telepathisch Informationen von ihr erhalten und den Fall sofort lösen, obwohl ihm eine innere Stimme sagte, dass es unmöglich sei, seinen Wunsch zu erfüllen. Er glaubte, Deosdado Funes, einen pensionierten Polizeibeamten, wiederzuerkennen, begrüßte ihn aber erst, als er sah, dass Funes ihn selbst erkannt hatte. Und als dies geschah, begrüßte er ihn fröhlich mit einem Lächeln und einem leichten Winken. Er sah, wie die Jahre ihm auf dramatische Weise anhafteten; dennoch erkannte er die Strenge in seinem Blick und die anachronistische Gelassenheit eines Mannes, der sich Respekt durch seine Transparenz und seine führende Rolle bei der Aufklärung einer Vielzahl von Fällen zu verdienen wusste. Deosdado Funes gab ihm ein Zeichen, korrigierte es mit einer Grimasse und signalisierte damit, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei, in der Nähe des Tatorts zu sprechen. Er fügte jedoch hinzu, dass er jederzeit bei der Mordkommission vorbeikommen würde, um gegebenenfalls bei den Ermittlungen mitzuwirken, und drehte sich um, um zu gehen. Detektiv López Lozano glaubte, Gesichter von Menschen wiederzuerkennen, die er schon lange nicht mehr gesehen hatte, die ihm aber irgendwie bekannt vorkamen; sei es aufgrund alter Beschwerden oder Nachbarschaftstreffen im Zusammenhang mit der zunehmenden Unsicherheit. Er konnte auch Benito Fernández, besser bekannt als der Idiot Fernández, ausmachen, der weinte, sich die Augen rieb und den Kopf schüttelte. Dies verriet, dass er nicht verstand oder nicht glauben konnte, was er gerade über das Schicksal von Frau Vogel erfahren hatte, was ihn sehr überraschte. Er war ein junger Mann von etwa achtunddreißig Jahren mit einer leichten geistigen Behinderung, einem gutmütigen Wesen, stets gutaussehend, der Gelegenheitsarbeiten verrichtete, den Rasen mähte, Malerarbeiten erledigte und allgemeine Instandhaltungsarbeiten durchführte. Einige ältere Frauen umarmten ihn mit aufrichtigem Mitleid, denn es war offensichtlich, dass sie ihn kannten, entweder weil er für sie gearbeitet hatte oder weil sie ihn einfach in der Nachbarschaft herumlaufen sahen. Er sah ihm nach, wie er mit humpelndem Gang langsam aus der Menge wegging, die immer noch erwartungsvoll dastand, als ob sie auf sofortige Antworten zu einem solchen Verbrechen warteten. Plötzlich erschienen die Spurensicherungsbeamten. Detektiv López Lozano drehte abrupt den Kopf, warf den Zigarettenstummel weg und betrat mit einiger Besorgnis das Haus, wo er eine feste Position einnahm, um die forensischen Experten nicht zu stören. Der Fotograf betrachtete das Opfer einige Augenblicke lang, bevor er mit seiner Arbeit begann, und obwohl er es gewohnt war, abartige Verbrechen zu sehen, verspürte er ein Kribbeln, das durch seinen ganzen Körper fuhr. Frau Vogels blaue Augen waren halb geöffnet, als hätte sie beharrlich versucht, der Qual zu entkommen. Ihr Mund war mit einem Lappen geknebelt, und sie war von den Füßen bis zu den Gliedmaßen fest an den alten, schwärzlichen Schaukelstuhl gebunden. Man konnte deutlich erkennen, dass sie sich verteidigt hatte. Die Blutspur begann in ihrem Zimmer, wo der Überraschungsangriff stattfand, setzte sich durch den Flur fort, und die Experten berichteten, dass die grausame Tat auf ihren Widerstand gegen den Tod zurückzuführen sei, der durch Frau Vogels kräftige Statur bedingt war. Um ihren Körper herum hatte sich eine große Blutlache gebildet, was darauf hindeutete, dass der tödliche Vorfall an dem Ort stattfand, an dem sie gefesselt an den Schaukelstuhl gefunden wurde – brutal ermordet.

Damit war endgültig bewiesen, dass es sich um den ersten und einzigen Tatort handelte. Einer der Experten untersuchte sorgfältig einen Schürhaken mit Blutspuren und weißen Haaren. Dies lässt vermuten, dass die tödlichen Schläge trotz der Schnittwunden möglicherweise mit diesem stumpfen Gegenstand ausgeführt wurden und dass der Mörder, zumindest dem Anschein nach, kein organisierter Killer war, so die Analyse der forensischen Experten anhand der im Haus gefundenen Beweismittel. Die Kleiderschränke im Schlafzimmer waren völlig verwüstet und die Schubladen zerstört; als ob die Enttäuschung darüber, nichts Wertvolles gefunden zu haben, die Wut des Mörders geweckt hätte. Der silbergriffige Spazierstock, antik und deutscher Herkunft, war so stark beschädigt, dass er nur noch von Holzsträngen zusammengehalten zu werden schien. Außerdem wurden Blutflecken an seinem unteren Ende festgestellt, was darauf hindeutete, dass Frau Vogel möglicherweise versucht hatte, sich mit diesem Gegenstand gegen den Angriff zu verteidigen. Der Verdacht blieb jedoch bestehen, und zwar mit größerer Strenge, da man annahm, dass der Angreifer dieses Werkzeug auch als Mittel zur Überwältigung der alten Frau benutzt hatte. Ein Spuren- und Fingerabdruckexperte wog es sorgfältig und legte es zur Analyse in einen Beutel im Labor. Auf dem Boden lagen zahlreiche alte Kleidungsstücke von Frau Vogel und ihrem verstorbenen Ehemann verstreut. Die wenigen Gemälde, die das Haus schmückten, waren vom Verbrecher nicht gekennzeichnet worden, in der Hoffnung, dort Wertgegenstände zu finden, so Kriminalkommissar López Lozano. Die ersten Anzeichen ließen eindeutig darauf schließen, dass das Motiv Geld war. Könnte es einer oder mehrere der Schakale gewesen sein, die diesen Mord begangen haben?, fragte sich der Detektiv. Vielleicht ja, vielleicht nein; folgerte er dann, obwohl ein einzelner kräftiger Mann von etwa achtzig Kilogramm sie leicht hätte überwältigen können. Die Nachricht schockierte die Öffentlichkeit. Obwohl die Frau in der Nachbarschaft nicht sonderlich beliebt war – sei es wegen ihres teuflischen Charakters und ihrer schlechten Manieren, weil sie eine ältere Frau war, die seit dem Tod ihres Mannes allein lebte, und wegen der grausamen und rücksichtslosen Art und Weise, wie der Mörder sie behandelt hatte –, war in der Nachbarschaft ein Gefühl des Schocks, begleitet von Beileidsbekundungen, zu spüren. Das Merkwürdige, dachte Kommissar López Lozano, sei, dass niemand die Schreie gehört habe, falls es welche gegeben habe; oder ob er es logisch betrachtet in seinem verzweifelten Versuch, sein Leben zu retten, geschafft habe, etwas zu rufen. Oder vielleicht zogen es die potenziellen Zeugen, aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen, vor, dem Justizsystem Informationen vorzuenthalten, um sich von der Tragödie zu distanzieren und in feiger Betäubung einer unerträglichen Schuld, aber mit einer gewissen Ruhe, um es mal so zu nennen, zu leben. Bis auf einige Anrufe bei der Polizei durch ihre Nachbarin Amelia Ballesteros, eine noch recht junge Dame, die merkwürdigerweise mit dem ungefähren Zeitpunkt des Verbrechens übereinstimmten. Man stellte schnell fest, dass die Frau unter psychischen Problemen litt und dass sie sehr oft Diebe über die Dächer rennen hörte. Nicht nur aus seinem eigenen Haus, sondern auch aus den Nachbarhäusern, wurde er von Verfolgungswahn heimgesucht, denn schon lange hieß es, er höre in seinem Kopf ein ohrenbetäubendes Grollen, nehme göttliche und sogar dämonische Präsenzen wahr, spreche telepathisch mit außerirdischen Wesen, stehe in Verbindung mit Hierarchien von Engeln und Lichtwesen und habe die Obrigkeit mit seinen ständigen unheilvollen Warnungen ermüdet; doch ohne Zweifel und unumstößlich, ohne dass diese eine andere Bedeutung hatten als seine eigenen Grübeleien. Es stellte sich außerdem heraus, dass Frau Vogel trotz ihres Charakters und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber anderen ein gewisses Mitgefühl für sie hatte und dass sie angesichts der so offensichtlichen psychischen Probleme ihrer Nachbarin Mitleid mit ihr empfand. Die Haupteingangstür wurde nicht aufgebrochen. Die Spurensicherung interessierte sich für einige Hammerschläge rund um das Schloss; es wurde jedoch festgestellt, dass der Mörder dies absichtlich tat, um den Eindruck zu erwecken, er müsse die massive Holztür zerstören, um in Frau Vogels Haus zu gelangen, und um es wie einen Zufall aussehen zu lassen, obwohl es laut Gutachten offensichtlich war, dass das Schloss nicht aufgebrochen worden war und der Mörder problemlos mit dem Schlüssel eingedrungen war. Das Haus war ein einfaches Wohnhaus mit zwei Zimmern, die zur hinteren Terrasse hin ausgerichtet waren, einem einzigen Badezimmer, der Waschküche, die eine Erweiterung der Küche darstellte, und einem kleinen Frühstücksraum. Das Wohnzimmer vor der Haustür war gewiss klein und düster, und es gab eine stillgelegte Garage, die als Abstellraum für allerlei Krimskrams und Werkzeuge diente; dies ließ darauf schließen, dass das Opfer ein asketisches Leben führte. Es war notwendig, mit der Untersuchung des unmittelbarsten Umfelds zu beginnen: der Familie. Was wäre also das Motiv für das Verbrechen? Für den Detektiv schien alles schlüssig zu sein; er glaubte, dass Geld der Hauptfaktor sein könnte. Doch angesichts der Brutalität, mit der der Mörder einen Raubüberfall an einer älteren Frau verübte, die in einem bescheidenen Haus lebte, kaum genug zum Leben hatte und zudem nur über wenige Mittel zur Verteidigung verfügte, schloss er, dass es sich um eine allzu grausame und übertriebene Tat handelte, falls dies das Motiv gewesen sein sollte. Jedenfalls verwarf er diese Hypothese nicht, denn der gesunde Menschenverstand eines Verbrechers, so argumentierte der Detektiv, sei nicht mit dem der meisten Menschen vereinbar. Denn diese Täter handeln aus Perversion heraus, indem sie ihre Opfer in Angst und Schrecken versetzen, sie nach Belieben manipulieren, durch Folter und sogar Tod, wenn, kurz gesagt, das Ziel nur dann gerechtfertigt ist, wenn sie eine kleine oder große Beute machen, wie zum Beispiel die Rente einer älteren Frau oder vielleicht eine große Summe Ersparnisse, Schmuck oder ähnliches. Er schloss auch nicht aus, dass es sich um Rache handelte, da die ersten vagen Äußerungen Frau Vogel nicht als freundliche, hilfsbereite Frau darstellten, die auch kein Mitgefühl für die Gemeinschaft zeigte. Ein älterer Herr, der die Ankunft der Polizei beobachtete, erinnerte sich daran, dass Frau Vogel einige Jahre zuvor, genervt von einigen jungen Männern, die auf ihrem Bürgersteig saßen, rauchten und sich betranken, mit übertriebener Gewalt und einem Nudelholz in der Hand herausgekommen war und sie so grob konfrontiert hatte, dass diese Männer eilig davonrannten und um die Ecke verschwanden. Ein weiterer Fall, der unsere Aufmerksamkeit erregte, ereignete sich im vergangenen Dezember, als ein gutaussehender Mann in einem hochwertigen Anzug mit einer starken und tiefgreifenden Persönlichkeit an die Tür seines Hauses klopfte.

Die alte Frau war zunächst überglücklich, musterte ihn freundlich von oben bis unten und geleitete ihn mit einer noch nie dagewesenen Gemächlichkeit herein. Wenige Minuten später war ein lauter Knall im Haus zu hören, als die Tür aufging. Kurz darauf wurde eine Leiche gefunden, die von einem Betrüger, der sich als Rentenanwalt ausgegeben oder zumindest so getan hatte, als ob er einer wäre, mit brutaler Wucht ins Gesicht geschlagen worden war. Er hatte der Frau zuvor versprochen, durch seine persönliche Betreuung die Rente ihres verstorbenen Mannes erheblich erhöhen zu können. Aber hatte diese Frau so viel Leid verursacht, dass ihr Leben auf so brutale und übertriebene Weise enden musste? Bislang konnte keine Hypothese einen endgültigen Beweis erbringen. Obwohl der Detektiv der Ansicht war, dass übermäßige Misshandlung einer Person einen Anfall von Wahnsinn auslösen könnte, und dies umso mehr, wenn die betreffende Person, voller Groll und Hass, vermutlich nicht bei klarem Verstand ist, stehen die Chancen, in diesem Fall ungeschoren davonzukommen, bei null. Dann fragte er sich, ob es sich um einen engen Freund handeln könnte oder vielleicht um einen Verwandten, der ängstlich und verzweifelt darum bemüht war, sich die Erbschaft zu sichern? Kannte irgendjemand die Tagesabläufe im Haus, wusste, wann Frau Vogel kam und ging? Nach Angaben von Nachbarn hatte die Frau weder Kinder noch entfernte Verwandte, was diese Zweifel zum Teil ausräumte; für Kriminalkommissar López Lozano jedoch nicht endgültig. Die Personen, die sich häufig in dem Haus aufhielten, mussten untersucht werden. Eine Nachbarin sagte, Frau Vogel habe vor einigen Wochen zwei Maurer beauftragt, das Dach zu reparieren, da die letzten Regenfälle im März zu erheblichen Wasserschäden geführt hätten, die feuchte Stellen in ihrem Zimmer und Teile des Mauerwerks in der Küche und der Frühstücksecke freigelegt hätten. Wären diese Bauarbeiter leicht zu finden? Wer kannte sie, oder genauer gesagt, wer hätte sie empfohlen? Für Kriminalkommissar López Lozano war dieses Verbrechen nicht – wie man im Slang oft sagt – zufällig begangen worden. Und mehr noch, er hatte das instinktive Gefühl, dass das Opfer seinen Mörder besser kannte, als es hätte können, und dass ein Maß an Vertrauen bestand, das alle vorstellbaren Grenzen überstieg, wenn man die Berichte oder Kommentare über die Persönlichkeit des Opfers bedenkt. Natürlich handelte es sich um eine subjektive Einschätzung, aber er irrte sich selten, wenn er eine solche Intuition verspürte, wie sie ihm in seinem Kopf so viel Lärm bereitete. Während er den Verstorbenen anstarrte, schossen ihm unzählige Gedanken durch den Kopf. Frau Vogels Körpersprache sprach Bände: Ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Überraschung und Entsetzen. Bekannt war lediglich, dass Frau Vogel Anfang der 1950er Jahre mit ihrem Ehemann, einem Luftfahrtingenieur, der in der Militärflugzeugfabrik in Córdoba arbeitete, aus Deutschland eingewandert war. Man erfuhr außerdem, dass sie Englisch- und Deutschunterricht gab, allerdings privat, und dass sie aufgrund ihres starken Charakters und ihrer furchtlosen, stählernen Erscheinung keinen Kontakt zu den Nachbarn pflegte. Darüber hinaus hatte sich in der kollektiven Vorstellung die Vorstellung etabliert, dass ihr verstorbener Ehemann, Roger Bagtchut, nicht nur Luftfahrtingenieur war, sondern auch als SS-Offizier im nationalsozialistischen Deutschland gedient hatte, das im Zweiten Weltkrieg degenerierte, und dass er am Ende des Konflikts zusammen mit anderen Offizieren unter falschen Namen nach Argentinien geflohen war, um sich vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen vom alten Kontinent zu schützen. Der Detektiv wies die Geschichte sofort zurück, da sie eher nach einem amerikanischen Spionagefilm klang als nach einer Rachegeschichte, die sich über Jahrzehnte des Hasses hinzog und die aufgrund eines fatalen Ausgangs schließlich von einer älteren Dame im Herbst ihres Lebens bezahlt wurde. Wenn das Motiv nicht Geld war, wäre es dann ein Verbrechen aus Leidenschaft? „Plötzlich den Zigarettenstummel wegzuwerfen ist absurd“, dachte Kriminalkommissar López Lozano laut mit einem Lächeln, „obwohl mich in meinem Alter nichts mehr überrascht.“ Nachdem der Staatsanwalt am Tatort eingetroffen war und mit bemerkenswerter Vehemenz die Ermittlungen aufgenommen hatte, begann es leicht zu nieseln. Einige Reporter warteten auf dem Bürgersteig auf ihn. Er beantwortete nur wenige Fragen und bahnte sich seinen Weg durch die aufgeregte Menge, die schon früh dort geblieben war, als sie die Streifenwagen auf dem Block parken sahen, in dem sich das Haus von Frau Vogel befand. Während die Leiche im Leichenwagen transportiert wurde, verhielt sich Kriminalkommissar López Lozano gegenüber der Presse rücksichtslos. Er gestikulierte, um sie aufzufordern, ihn in Ruhe zu lassen, da er zu viel Arbeit vor sich habe, um den Fall zu lösen, und bat sie um Verständnis. Er erklärte, dass er keine Informationen preisgeben dürfe, um die Geheimhaltung der Ermittlungen zu wahren.
Auf der Liste der Verdächtigen standen unzählige Männer. Kriminelle, die erst kürzlich entlassen worden waren, aber von der Polizei weiterhin als Verdächtige galten, da man sie als potenziell rückfallgefährdet einstufte – von kleineren Delikten bis hin zu grausamsten Verbrechen. Für diese Menschen, die aus so vielen unerklärlichen Gründen durchs Raster gefallen waren, gab es keine klare Zukunft. Obwohl einige von ihnen im Gefängnis beachtliche Lernbemühungen unternommen hatten, stempelte sie das Stigma der Kriminalität als wahrscheinliche Wiederholungstäter ab.
Die Staatsanwaltschaft lud etwa zwanzig Verdächtige vor, die meisten von ihnen waren vorbestraft. Ihnen wurden Blutproben entnommen und mit den genetischen Spuren des Opfers verglichen. Die genetischen Profile wurden verglichen, die Ergebnisse blieben jedoch unklar.
Wie an jenem schicksalhaften Morgen vereinbart, erschien Kommissar Deosdado Funes im Büro von Detective López Lozano, der ihm die Hand schüttelte und auf einen Stuhl deutete. Er setzte sich und sah ihm direkt in die Augen:
„Ach, Lopecito, so viele Jahre sind vergangen, und wir haben uns nie zum Essen oder sonst irgendwie getroffen. Du hast immer gesagt, du würdest mich anrufen, deshalb bin ich so überrascht, dass du es vergessen hast. Früher haben wir uns viel öfter getroffen, erinnerst du dich? Grillabende, selbstgemachte Pasta bei mir, zubereitet von meiner Frau. Ich will deine Frau nicht abwerten, sie kocht auch hervorragend. Jedenfalls hatten wir einfach mehr Kontakt.“
López Lozano hob die Augenbrauen.
—Natürlich, Deosdado. Du hast recht, Bruder, ich habe keine Ausreden. Sag mir einfach, wann du Zeit hättest. Diesmal lasse ich dich nicht im Stich, keine Sorge. Wir machen ein Barbecue mit einem guten Wein, so wie es sich gehört, wenn du das magst. Oder du schlägst es vor, und die Sache ist beschlossene Sache, keine Ausreden.
Deosdado Funes konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen.
—Nun, ich hoffe, das stimmt. Ich besuche Sie gern ab und zu. Ich erinnere mich noch gut an Ihren Abschluss an der Offiziersakademie. Schon damals waren Sie ein junger Mann mit großem Potenzial. Gibt es Neuigkeiten zur Aufklärung des Mordes an Frau Vogel?
—Nichts, Mann, du weißt doch, dass wir ermitteln und noch keiner der Verdächtigen verhaftet wurde. Es wird schwer werden, den Mistkerl zu schnappen, der das getan hat.
—Ach, wusstest du, dass ich sie ziemlich gut kannte, weil wir Nachbarn waren? Ich wohne nur zwanzig Meter von ihrem Haus entfernt. Natürlich wusstest du das nicht. Ich habe das andere Haus, das du kanntest, verkauft, weil es zu groß war, und meine Frau und ich wollten uns verkleinern. Meine Kinder haben geheiratet, und warum sollten wir in so einem großen Haus wohnen, wenn wir nur zu zweit sind? Ich wohne also schon seit zwanzig Jahren hier in der Gegend. Ich kenne, sagen wir mal, ziemlich viele Leute, also kannst du dich bei allem, was du brauchst, auf mich verlassen.
López Lozano hob die Augenbrauen.
—Das ist ja unglaublich! Mir kam es auch seltsam vor, dass Sie so nah am Geschehen waren. Aber wenn man sich das merken sollte, könnte bei einem so sturen Hund wie Ihnen noch etwas dabei herauskommen. Und was können Sie mir dazu sagen?
Deosdado Funes lehnte sich in seinem Stuhl zurück und antwortete:
„Die alte Frau war schwierig im Umgang, aber sie war kein schlechter Mensch. Wir Alten werden mit dem Alter immer schlimmer, sehen Sie mich nur an. Was soll ich Ihnen sagen? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es kein Zufall war, sondern geplant, dass sie den Mörder kannte, dass es keine Affekttat war. Außerdem sieht es wegen der vielen Stichwunden zwar danach aus, aber es war keine. Es gab kein Geld. Erbschaft?...nur das Haus. Es gab keine Nachkommen oder entfernten Verwandten, so habe ich es in der Nachbarschaft gehört. Sie war eine deutsche Witwe, die von ihrer Rente lebte, sehr sparsam, wie die meisten Leute hier. Ich kenne das Motiv nicht, aber ich denke, es war Rache.“
—Und warum glauben Sie, dass es Rache war?...Obwohl ich das Gleiche denke.
„Meiner Meinung nach war es nur ein Mann. Warum ich glaube, dass es Rache war? Ganz einfach: wegen der Brutalität des Mörders. Niemand, der auch nur ein bisschen Verstand hat und einbricht, um zu rauben, will töten, weil er die Konsequenzen kennt – es sei denn, er wird erwischt und tötet, um das erste Verbrechen zu vertuschen. Die Zeiten haben sich geändert, ich weiß, es gibt Jugendliche, die grundlos töten. In der Unterwelt gelten nicht mehr die gleichen alten Regeln. Ich bezweifle, dass es eine Frau war, denn die alte Frau war sehr stark und es wäre schwer gewesen, sie zu überwältigen. Ich meine, wegen ihrer Statur und ihrer Gewalttätigkeit. Wer auch immer es getan hat, natürlich ohne jegliche Rechtfertigung, hatte seine Gründe. Sie war in der Nachbarschaft beliebt, weil sie den Armen half, wo sie nur konnte. Sie war aber auch verhasst, weil sie auf Homosexuelle, Faulenzer und sogar auf Kinder herabsah, die Ball spielten, was ja ganz normal ist. Das machte sie wütend.“
„Ich verstehe, aber mir erscheint es nicht ganz schlüssig, dass es so schwerwiegend war. Ich sage das mit allem Respekt, aber es muss einen stichhaltigeren Grund für Ihre Aussage geben. Ich schließe es aber nicht aus; dieses Verbrechen lässt mich wirklich nicht los. So sehr, dass es mir den Schlaf raubt, und wenn das so weitergeht, werde ich wohl verrückt.“
Der pensionierte Kommissar runzelte mit einem Anflug von Ratlosigkeit die Stirn und sagte:
„Man muss stark sein, wenn man im Polizeidienst bleiben will, und es ist wirklich keine große Sache. Natürlich ist das Geschehene sehr traurig, aber man kann die alte Frau nicht zurückbringen, wenn der Fall gelöst ist. Wenn man das Verbrechen aufklären will, muss man seine Gefühle beiseite schieben und kühl denken. Ich beschuldige noch niemanden, aber ich werde Ihnen ein paar Informationen geben, die wichtig sein könnten. Damit Sie anfangen können, nachzudenken, einige Zweifel auszuräumen, andere zu analysieren, eins und eins zusammenzuzählen, wer weiß. Aber ich sage es Ihnen, und nehmen Sie es nicht für bare Münze.“
—Was willst du mir sagen, Deosdado?
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„Schau und hör genau hin. Wenn der Gärtner den Rasen nicht perfekt kurz gemäht hätte, hätte er ihn unaufhörlich beschimpft. Wenn jemand so oft gedemütigt wird, weiß man, dass sich dadurch viel Groll in ihm anstaut. Und das kann gefährlich sein. Jedenfalls will ich ihn nicht beschuldigen oder im Voraus verurteilen; ich möchte nur, dass du bedenkst, wie verstörend ein Mensch sein kann, der andere schlecht behandelt. Sein Name ist Justiniano Gómez. Was für ein Zufall, dass der Name Justiniano ist, nicht wahr? Ich bin kein Profiler für Mörder, aber ich habe viel Erfahrung damit. Man muss eine Familienautopsie durchführen, die Vergangenheit und Gegenwart des Opfers kennenlernen, um objektiv zu analysieren, was zu seinem Tod geführt hat.“
—Das stimmt natürlich. Wir sollten auch den Gärtner, diesen Gómez, ausfindig machen und ihn befragen.
„Überlass das mir. Ich finde es heraus und gebe dir seine Adresse. Der arme Junge, ich wiederhole es, ich verurteile ihn nicht; ich gebe dir nur ein paar Informationen, die du im Hinterkopf behalten solltest. Könnte der Typ verdächtig sein? Natürlich könnte er das. Wir müssen jedem misstrauen.“
—Verdächtigen Sie noch jemand anderen?
„Die Luna-Brüder wohnen direkt nebenan. Alles Kleinkriminelle. Sie klauen Autoradios, Reifen, klauen Sachen, aber im Moment halte ich sie nicht für besonders gefährlich. Sie kiffen, ziehen Koks mit anderen Ganoven und feiern Partys mit Cuarteto-Musik. Man sieht immer wieder zwielichtige Typen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit auftauchen. Andere Penner wie sie kommen auch vorbei; ich weiß nicht, was die treiben, aber ich schätze, die sitzen im selben Boot. Sie arbeiten ab und zu auf dem Bau oder geben sich zumindest als Bauarbeiter aus, deshalb halten sie es nicht lange aus. Koks ist teuer, kannst du mir sagen, woher die bloß das ganze Geld für Drogen nehmen?“
López Lozano zuckte mit den Achseln.
—Ich weiß nicht, ich vermute, es kommt vom ganzen Trubel. Ist es Menschenhandel? Wir müssten erst mal sehen, ob sie nicht doch mehr Probleme bereiten, als es scheint, und du es noch nicht bemerkt hast. Und wie kommst du mit ihnen zurecht? Hattest du irgendwelche Probleme mit ihnen?
„Sie tun mir leid, Lopecito. Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, alles ist möglich. Ich kannte ihre Eltern, sie waren gute Leute, aber sie starben bei einem Autounfall, und diese Kinder waren auf sich allein gestellt, ohne Bildung, ohne jemanden, der sich um sie kümmerte. Jedenfalls legen sie sich nicht mit mir an. Sie wissen, dass ich immer eine Waffe bei mir trage, und vielleicht respektieren sie mich deshalb. Es kommt selten vor, dass sie sich mit einem Polizisten anlegen, selbst mit einem pensionierten.“
Kriminalbeamter López Lozano lächelte und fügte rasch hinzu:
Oder, um ehrlich zu sein, sie haben Angst vor dir. Dein Ruf als harter Kerl ist ungebrochen. Du wurdest berühmt dafür, Schwerverbrecher zu fassen und sie zu Tode zu schießen, was soll ich sagen? Das hat dir deinen Ruf als harter Kerl eingebracht. Wir respektieren dich hier sehr, Deosdado, das weißt du. Ich glaube, ich muss es nicht wiederholen. Wir vermissen dich; wir brauchen Leute wie dich in der Mordkommission.
—Nein, natürlich nicht. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wollte Sie nun fragen, ob Sie etwas über das Sterbedatum wissen.
„Seit Montagmorgen, als wir benachrichtigt wurden und am Fundort eintrafen, sagte der Gerichtsmediziner, dass die Leiche aufgrund des Verwesungsgrades zwischen 48 und 72 Stunden alt sei. Das war auch mein Eindruck; ich habe im Laufe der Jahre einiges gelernt. Allerdings ist das nicht exakt; es gibt viele Einflussfaktoren, wie zum Beispiel die Witterung. Kälte kann die Leiche manchmal konservieren, während Hitze den Verwesungsprozess beschleunigt. Warum fragen Sie mich das?“
—Ich weiß es nicht. Am Samstag nach Mitternacht spielten die Luna-Brüder ihre Musik wahnsinnig laut. Meine Frau ist total ausgerastet, weil sie Cuarteto-Musik hasst. Ich musste mich anziehen, mitten in der Nacht rausgehen und an ihre Tür hämmern, damit sie leiser machen.
—Womit verbinden Sie es?
Und… wenn niemand Frau Vogels Schreie gehört hat, lässt mich das vermuten, dass es damit zusammenhängt, denn es gibt zu viele Zufälle. Die Musik lauter drehen, um Frau Vogel zu töten, ohne dass jemand ihre Schreie hört – oder glauben Sie, die alte Frau hat gar nicht geschrien? Deshalb möchte ich die Details wissen, denn sie sind sehr wichtig, selbst wenn sie nur ungefähr sind.
—Das denke ich mir schon. Ich bin ratlos, Mann, aber hast du mir nicht gesagt, dass diese Kinder nur Kleinkriminelle sind, oder habe ich das falsch verstanden?
„Ich weiß nicht, Lopecito, man kennt die Leute nie wirklich. Sie fangen alle mit Stehlen an, und manche der Skrupelloseren überschreiten die Grenze, und wenn sie töten müssen, dann töten sie. Ich will nicht voreilig Schlüsse über diese Kinder ziehen; ich habe dir ja schon gesagt, dass sie mir leidtun, sie sind einfach nur arme Kinder. Außerdem könnte es ja auch eine Gruppe von Freunden sein. Na ja, das ist nur meine Meinung, oder vielleicht rede ich auch Unsinn.“
—Arme Kinder, Diebe?... Das ist doch nicht dein Ernst?
—Überhaupt nicht. Ich kannte sie, als sie noch sehr jung waren, und die Beerdigung ihrer Eltern hat mich sehr getroffen. Niemand kam, um ihnen zu helfen; meine Frau brachte ihnen Essen, weil sie sonst verhungert wären. Wahrscheinlich verliere ich die Objektivität, wenn ich an sie denke.
Detektiv López Lozano verzog das Gesicht zu einer spöttischen Grimasse.
—Sicher. Aber es geht einem doch nahe, wenn man an diese armen Kinder denkt, nicht wahr?
—Und ja, sonst hätte ich sie dir gegenüber gar nicht erwähnt. Lopecito, ich bitte dich, nicht ironisch über die Luna-Brüder zu sprechen, selbst wenn sich herausstellen sollte, dass sie etwas mit dem Mord an Frau Vogel zu tun hatten; nun ja, falls sie tatsächlich etwas damit zu tun hatten, denn ich möchte es nicht glauben, obwohl ich, gelinde gesagt, meine Vermutungen habe, die aber nicht sehr stark sind.
Detektiv López Lozano senkte den Blick.
—Ja, entschuldigen Sie, ich bin einfach sehr engagiert bei meinen Ermittlungen. Ich verstehe, dass Sie emotional involviert sind, aber wir müssen ermitteln. Wir müssen versuchen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ich möchte, dass die Angelegenheit aufgeklärt wird, dass er oder die Schuldigen gefunden werden.
„Natürlich. Ich hab dir doch schon gesagt, du sollst einen kühlen Kopf bewahren. Sonst siehst du mich ja an. Die Realität kann hart sein, aber du musst die Dinge aufdecken, die mich manchmal daran hindern, sie zu sehen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, war da dieser verrückte Tissera, von dem ich gehört habe, dass er eine Zeit lang im Knast saß. In der Nacht sah ich ihn total euphorisch, vielleicht wegen des Koks. Ich sah auch diesen Idioten Fernández. Genauer gesagt, Benito Fernández, den Verrückten, der hier in der Gegend Gelegenheitsjobs macht, der mit dem kürzeren Bein und dem starken Hinken. Ich erinnere mich, wie ich Hassan den Türken mal gesehen habe; der war echt ein harter Hund. Er hat Geldtransporter überfallen, mit Langwaffen. Er war ein echter Kämpfer bei Schießereien. Ich hab ihn mal verhaftet, ich hätte ihn fast umgebracht. Der Türke scheint jetzt im Ruhestand zu sein. Er hat vor ein paar Jahren eine Autowaschanlage aufgemacht, und ich hab nichts davon gehört, ob er wieder straffällig geworden ist.“
—Der Mann ist auch im Ruhestand noch gefährlich.
—Aber genau deshalb sage ich es Ihnen ja, damit Sie es im Hinterkopf behalten.
Und was trieb er sich in der Nähe der Luna-Brüder herum? Ein großer Kerl, scheinbar im Ruhestand, mit einer Autowaschanlage. Könnte das alles nur Tarnung sein und vielleicht planen sie etwas Unlauteres?
„Im Moment kann ich Ihnen nur sagen, dass er sie besucht. Ob sie in irgendwelche zwielichtigen Geschäfte verwickelt sind? Ich weiß es nicht. Ich will nicht sagen, dass die Lunas gefährlich sind, das glaube ich nicht, aber wenn sich bestätigen lässt, dass der Todestag in diesem Zeitraum liegt, würde ich sie als Verdächtige betrachten. Ich glaube nicht, dass sie für das eigentliche Verbrechen verantwortlich sind, aber vielleicht als Komplizen.“
Der Detektiv stieß ein beinahe groteskes Lachen aus.
Hey, mit diesen zwielichtigen Typen, die da mit den Lunas rumhängen… Ich weiß echt nicht, was ich davon halten soll. Wie kannst du nachts ruhig schlafen, wenn solche Drecksäcke hier in der Gegend rumlungern? Du hast ein Versteck neben deinem Haus und bist so ruhig?
Deosdado Funes sah ihn fest an. Er sagte:
„Was wollen Sie damit sagen?... Wenn ich so ruhig wäre, würde ich Ihnen nicht von den seltsamen Dingen erzählen, die ich sehe. Wenn mich jemand in Ihrem Büro sähe, könnte ich tot sein, verstehen Sie? Ich gehe ein Risiko ein, denn wenn man einmal Polizist ist, hört man nie wirklich auf, einer zu sein.“
—Ich kann Ihnen so lange wie nötig einen Polizeiwagen vor die Tür stellen.
„Nein, absolut nicht, das würde Verdacht erregen. Um mich selbst habe ich keine Angst. Ich gebe zu, dass ich mir Sorgen um meine Frau mache. Wenn sie sie anfassen, werde ich rausgehen und sie alle verprügeln.“
Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt. Ich möchte nicht, dass du noch mehr in Gefahr gerätst; vielleicht könntest du mit deiner Frau, während sich die Dinge klären, eine Reise unternehmen, mehr nicht. Denk mal darüber nach.
—Mal sehen, wie sich die Dinge entwickeln, ich melde mich dann bei dir, Lopecito. Danke für deine Anteilnahme, mein Freund.
—Das ist das Mindeste, was ich tun kann, schließlich riskieren Sie alles, um dieses berüchtigte Verbrechen aufzuklären.
Deosdado Funes schloss die Augen, als ob er sich an etwas erinnern würde.
„Wussten Sie, dass Frau Vogel Englisch und Deutsch unterrichtete? Die langsameren Schüler, die ihren Unterricht nicht verstanden, wurden als Idioten beschimpft. Es sind harmlose Gymnasiasten, aber auch gegen sie sollte ermittelt werden. Wer weiß, ob einer dieser Jungen Groll hegte und einen Raubüberfall inszenierte, um sie zu töten?“
Alles ist möglich. Wir werden diese Kinder untersuchen. Die alte Frau war eine richtige Zicke. Gott habe sie selig, aber wenn dem so war, hat sie es sich selbst zuzuschreiben.
Deosdado Funes schüttelte traurig den Kopf.
„Ich finde das, was du sagst, überhaupt nicht fair.“ Er stand auf, schüttelte ihr zum Abschied die Hand und drehte sich dann um.
—Beschränke dich nicht nur auf die Luna-Brüder und ihren Kreis, sondern forsche weiter nach. Ich warte auf deinen Anruf wegen des Grillfestes, das wir schon so lange veranstalten wollten.
Der Detektiv nickte leicht und antwortete:
—Keine Sorge, das ist Fakt—. Und er sah dem pensionierten Kommissar nach, wie er langsam, aber selbstsicher wegging, genau wie zu seiner Dienstzeit bei der Polizei.

Auf der Polizeiwache analysierte Kriminalkommissar López Lozano am Computerbildschirm die verschiedenen Täterprofile. Knapp dreißig Tage nach dem Mord bestätigte die vorläufige Untersuchung der Gerichtsmediziner, dass die Fingerabdrücke auf der Leiche der Verstorbenen eindeutig Frau Vogel zuzuordnen waren. Am Tatort war eine Schusswunde am Kopf aufgrund der großen Blutmenge in ihrem langen Haar nicht erkennbar. Doch die Autopsie durch den Gerichtsmediziner des Instituts brachte weitere Hinweise auf Frau Vogels Tod zutage. Der Bericht dokumentierte eine große, etwa 90 x 30 Zentimeter große Blutlache mit scharfen Rändern unter ihrem Kopf und im Brust- und Bauchbereich. Im Schlafzimmer wurde am Eingang eine weitere, etwa 30 x 40 Zentimeter große Blutlache mit unscharfen Rändern festgestellt. Im Flur bildeten Blutstropfen eine Spur. Blutspuren von Tropfen am Rahmen und Fußabdrücke waren am Fensterrahmen sichtbar. Die äußere Untersuchung ergab ein kreisrundes Loch von fünf mal fünf Millimetern Durchmesser mit sauberen, regelmäßigen Rändern und einem diffusen Fisch-Kontusionsring. Tätowierungen und Rußspuren deuteten auf einen Schuss aus nächster Nähe hin. Spuren von Hirnmasse und Blut wiesen auf eine Eintrittswunde durch ein Projektil hin. Eine Austrittswunde war nicht feststellbar. An der Vorderseite beider Unterarme fanden sich mehrere oberflächliche Risswunden von zwei bis drei Zentimetern Länge. Unter den Fingernägeln wurden Gewebe- und Haarfragmente gefunden. Die Kugel war in jedem Fall die Todesursache. Sie drang durch die linke Schläfenregion zwischen Jochbein und Schläfe ein, erreichte die Schädelbasis und blieb im Scheitelpunkt der Augenhöhle stecken, wodurch die umliegenden Strukturen entlang des Schussweges verletzt wurden. Die Beweislage deutete darauf hin, dass der Täter sie vor dem Kopfschuss mit einem Messer gequält hatte.
Der vorläufige Bericht, der in den folgenden Tagen eintraf, stellte fest, dass die Spurensicherung ein auffälliges Muster in den Fußabdrücken im Flur des Hauses des Verstorbenen entdeckt hatte. Ein Abdruck stammte von einem Schuh und war vollständig, der andere nur teilweise. Kriminalkommissar López Lozano hielt inne, in Gedanken versunken, griff dann zum Telefon und rief den Staatsanwalt an.
—Doktor, entschuldigen Sie, falls Sie sehr beschäftigt sind, aber ich brauche dringend einen Durchsuchungsbefehl, um das Haus dieses Idioten Fernández zu durchsuchen; oder… entschuldigen Sie meine Ungeschicklichkeit, Doktor. Könnte es… Benito Fernández sein?

MINDESTENS EINE KAFFEE

Der Hauptsaal der Bibliothek von Córdoba schien zu leuchten, so vollgestopft mit lokalen Journalisten und Bewunderern seiner Werke, dass man kaum atmen konnte. Der Schriftsteller Luca Bongiorno, ein renommierter Psychoanalytiker und leidenschaftlicher Literat, beendete gerade seine Präsentation über seinen neuesten Roman „Die dunklen Zonen deiner Eingeweide“. Es war übrigens nicht sein erster Roman, jener, der ihn zu seinem kometenhaften Aufstieg verholfen hatte. Er war von Anfang an von jedem Verlag des Landes abgelehnt worden, und seine anhaltende Qual, gepaart mit anderen Erfahrungen, spiegelte sich in seinen Augen. Trotzdem gab er sich bei Beginn der Präsentation alle Mühe und verarbeitete dabei auch Elemente aus seinen früheren Büchern, von denen er bereits mehr als ein Dutzend geschrieben hatte. Er schüttelte den vom Alter ergrauten Kopf, ein Ausdruck von Hilflosigkeit und überschwänglicher Freude in seinen Augen; als wolle er die Beharrlichkeit hinter seinem Werk rechtfertigen und es natürlich neu bewerten. Hatten ihn seine Gefühle inmitten von Widersprüchen, ungewöhnlichen Euphorieausbrüchen und unkontrollierbaren Gesten vor einem Publikum, das ihm scheinbar wohlwollend zuhörte, im Stich gelassen? Er hatte mit dem Gespenst des Todes und der Unfähigkeit, seinen Traum zu verwirklichen, gelebt. Und doch konnte er zu Lebzeiten Lorbeeren und gesellschaftliche sowie akademische Anerkennung ernten. Es war unvermeidlich. Wer konnte seinen Werdegang und seine herausragende Stellung, die ihn in die höchsten Kreise der Literatur und der intellektuellen Elite katapultierte, infrage stellen? Seine Werke wurden in über dreißig Sprachen übersetzt. Universitäten weltweit luden ihn zu Vorlesungen an die berühmte Luca Bongiorno ein. Am Ende seiner Rede nahm er seine Brille ab und tupfte sich mit seinem weißen Taschentuch den Schweiß von der Stirn – eine Folge der drückenden Hitze und des Stresses, die solche Veranstaltungen oft mit sich bringen. Unter Applaus und dem Blitzlichtgewitter der Kameras fragte ihn der schmächtige Herr in der dritten Reihe, der ihn mit offensichtlicher Bewunderung beobachtet hatte:
—Glauben Sie, mein Herr, dass Ihre Arbeit selbstbezüglich sein könnte?
Bongiorno wandte seinen Blick dem schmächtigen Herrn in der dritten Reihe zu, der im Laufe der Jahre unzählige Interviews gegeben und es gewohnt war, sehr ähnliche Fragen zu beantworten, und gab in einem sehr promovierten Tonfall zu:
—Natürlich. Abgesehen vom literarischen Aspekt ist alles, was wir im Leben tun, selbstbezogen. Die Umstände, die wir erleben, sind nicht zufällig. Sie sind jedem Menschen innewohnend, bilden das Ganze, weil sie uns in irgendeiner Weise betreffen, so unpassend wir uns dabei auch fühlen mögen. Damit will ich nicht behaupten, dass meine Werke ausschließlich selbstbezogen sind. Ebenso möchte ich hinzufügen, dass Erziehung, Bildung, der Mensch, den wir lieben werden – oder zumindest derjenige, von dem wir glauben, ihn zu lieben und von dem wir auch annehmen, dass er uns liebt –, der Sinn unseres Lebens, der nicht immer klar ist, irgendwann einen Wendepunkt in unserem Leben darstellen wird. Und was könnte darauf folgen, wenn nicht eine existenzielle Krise? Alles ist also miteinander verbunden, und aus meiner Sicht ist Selbstbezug, so anmaßend es auch klingen mag, mit unserer Existenz verknüpft. Die Menschen, an denen wir täglich vorbeigehen, die wir nicht kennen, denen aber, wenn wir ihnen in die Augen sehen, eine innere Stimme sagt, dass wir in anderen Dimensionen, in fernen Existenzen mit ihnen zusammen waren. Auch wenn es weit hergeholt erscheinen mag, denke ich aus meiner Sicht, dass es subjektiv ist, dass es tatsächlich daran liegt, dass wir miteinander verbunden sind und unser rationaler Verstand sich weigert, dies zu verstehen, aus Angst, den Verstand zu verlieren.
Ein älterer Herr in Reihe sieben, guter Laune, hob die Hand. Er wartete, bis Bongiorno ihm ein Zeichen gab, damit er fragen konnte, was er wollte, oder frei sprechen konnte.
Mit allem Respekt, ich möchte Sie etwas fragen. Sind Sie angesichts der Meinungsverschiedenheiten anderer Autoren von Ihrer Position überzeugt? Diese Autoren glauben, nach ihrem dritten oder vierten Buch objektiv sein zu können. Das ist verständlich, denn die emotionale Belastung ihres Umfelds – ich meine ihre Familie, ihren Kontakt zur Gesellschaft – spiegelt sich möglicherweise zu Beginn ihrer Karriere in einer selbstbezogenen Betrachtungsweise wider. Und später können sie sich natürlich von dieser Selbstbezogenheit lösen, um objektiver zu werden.
Bongiorno nickte leicht, räusperte sich dann und wollte gerade sagen:
„Nun ja. Niemand kann eine absolute Theorie zu diesem Thema haben. Und logischerweise auch niemand sonst. Es ist nur meine Meinung; Sie können sie annehmen oder ablehnen. Ich verstehe die Meinungsverschiedenheiten meiner Kollegen. Aber ich bleibe dabei: Auch wenn manche Autoren das nicht erkennen und meinen, sie hätten das hinter sich gelassen, so spiegelt sich doch – wenn man bedenkt, dass der zentrale Konflikt ihrer Werke nichts mit ihrem Leben zu tun hat – die Handlung, die Stimmungen der Figuren, ihre Entwicklung, die Zweifel, die Krisen und eine ganze Reihe von mentalen Zuständen, die wir auf den ersten Blick nicht wahrnehmen, im Unbewussten und in Archetypen wider. Gräbt man tiefer, erkennt man, dass das Werk, das scheinbar keinen Bezug zur eigenen Geschichte hat, seinen Ursprung in den gegenwärtigen Umständen des Autors, seinem genetischen Erbe, seinen Leidenschaften hat. Schriftsteller nehmen Dinge wahr, die selbst wir kaum glauben können. Wir erleben besondere Dinge, zum Beispiel beobachten wir ein Paar in einer Bar, das sich über Gott weiß was unterhält, und vielleicht kommt uns sogar die Idee für den zentralen Konflikt eines Romans.“ Ich weiß nicht, wie ich es genauer erklären soll, aber wir neigen dazu, Dinge emotionaler wahrzunehmen – Empfindungen, Stimmungen, sogar Farben, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie existieren. Wie dem auch sei, ich möchte mich damit nicht weiter aufhalten.
„Entschuldigen Sie“, unterbrach ihn der kleine Mann in der dritten Reihe unhöflich und mit gehörigem Sarkasmus, „glauben Sie etwa, Sie seien etwas Besonderes, nur weil Sie Schriftsteller sind?“
Bongiorno nahm seine Brille wieder ab und blinzelte verwirrt. Dann sah er seinen Redakteur an, der direkt rechts neben ihm saß. Er schüttelte den Kopf und antwortete mit einem Anflug von Empörung:
„Nein, ich habe mich nie besonders gefühlt, nur weil ich Schriftsteller bin. Es stimmt, dass mir das Schreiben viel Freude bereitet, aber unter bestimmten Umständen hat es mich auch bis zur Verzweiflung frustriert. Nun ja, Schriftsteller sind schließlich fehlbar, genau wie wir Menschen. Und was sind wir anderes als Menschen, die ihr Leben in den von uns erschaffenen und in uns hineinprojizierten Figuren neu erfinden, um der Monotonie oder Mittelmäßigkeit des Daseins zu entfliehen? Wir sind Lügner, weil uns Widrigkeiten dazu gebracht haben, unserem Ego einzureden, wir seien talentiert, und manchmal stimmt das einfach nicht. Natürlich nicht. Wir lügen schamlos, wenn wir eine Geschichte schreiben, um die Leser davon zu überzeugen, dass das, was sie lesen, wahr ist. Wir wollen durch Literatur Faszination erzeugen. Ich gebe es zu, natürlich ist es ein ständiger Kampf mit dem Ego, der über meine literarische Leidenschaft hinausgeht. Aber es ist so schwer, als Schriftsteller zu überleben, dass wir, selbst wenn uns das Talent fehlt, zumindest versuchen, uns selbst davon zu überzeugen, dass wir es haben.“
Es brach plötzlich Gelächter und Applaus aus, bis der kleine Herr in der dritten Reihe mit nachdrücklicher Besorgnis erneut fragte:
—Welche Schlussfolgerung wollen Sie also ziehen?
Wie die Wissenschaft ohne große Analyse leicht beweist, sind wir ein Produkt unserer Vergangenheit. Wir sind Biologie, Natur, eine Verkettung von Emotionen und Gefühlen, die sich in uns verdichten und fließen. Wir sind oft verwirrt, weil wir im Grunde dualistisch sind; wie Schwämme, die alle möglichen Situationen und Schwierigkeiten aufsaugen. Manchmal führt uns das Leben auf widrige Wege, und dann treten Dualität und Vernunft in Erscheinung, die je nach den Umständen variieren können. Das Spektrum reicht von der Freude über einen wunderschönen Sonnenuntergang, wenn wir verliebt sind, bis hin zu dem Moment, in dem die Dämmerung hereinbricht und die Nacht unsere Einsamkeit einnimmt, weil wir unsere Liebe verloren haben.
—Aber was hat das mit dem zu tun, was Sie vorhin gesagt haben, wie hängt das zusammen?— fragte der kleine Mann in der dritten Reihe.
Hören Sie genau zu. Wir müssen jemanden analysieren, der Liebeskummer oder Trauer durchmacht, welche Sorgen er empfindet, wie die Melancholie seine Gefühle durchdringt, wie er die Realität wahrnimmt, um in dieser Situation Halt zu finden. Hätten sie, so wie sie diese Person geliebt haben, nicht auch Rachegedanken hegen können, weil sie sich verraten fühlten? Es gibt Fälle, in denen dies zu Mord führt. Verstehen Sie, was ich mit Dualität meine? Ein anderes Beispiel wäre ein Polizist, der einem älteren Mann über die Straße hilft, weil ihn die Gefahr, in der er sich befindet, berührt. Andererseits erfahren wir vielleicht, dass derselbe Polizist zusammen mit anderen uniformierten Beamten ein Gebiet für einen Drogendealer räumt. Ist das widersprüchlich? Natürlich, absolut. Aber alles hat eine Erklärung. Als der Polizist den älteren Mann sah, fühlte er sich an seinen eigenen Vater erinnert. Neben seiner Solidarität, die sicherlich berechtigt ist, half er symbolisch seinem Vater über die Straße. Diese Dualität erklärt unter anderem die Schattenseiten des Lebens.
Der schmächtige Mann in der dritten Reihe beobachtete ihn aufgewühlt, als ob er sich an Momente erinnerte, die er lieber für immer vergessen hätte, und Hass gegen Bongiorno säte. Die Zuschauer nickten nachdenklich, als sähen sie sich in bestimmten Abschnitten ihres eigenen Lebens gespiegelt. Ein junger Mann, der Psychologie zu studieren schien oder ein verwandtes Fach studierte und in der vierten Reihe saß, hob die Hand. Er fragte:
Und was ist mit Menschen, die anständig, wohlhabend und gebildet wirken, die glücklich erscheinen, aber aus irgendeinem Grund in Verzweiflung verfallen? Worauf können wir das zurückführen? Ist es, dass sie eine Fassade aufrechterhalten, dass sie eine Rolle annehmen, um zu verbergen, wer sie wirklich sind, oder liegt es an einem gewissen Todestrieb, wie Freud vermutet?
Bongiorno öffnete die Augen mit einem Anflug von Verwirrung. Er hatte sich nicht getäuscht, als er erkannte, dass der junge Mann in der vierten Reihe Psychologiestudent war. Doch die Tatsache, dass der junge Mann die Triebe von Leben und Tod erwähnt hatte, bedeutete nicht zwangsläufig, dass er tatsächlich Psychologie studierte. Für einen Moment freute er sich auch sehr darüber, dass sie sich auf einem intellektuellen Niveau austauschen konnten und das Gespräch angenehmer verlief; er hielt den jungen Mann für neugierig, lernbegierig und analytisch, und solche Menschen waren für ihn wahrhaft intelligent.
„Gute Frage. Ihr Interesse kreist um jemanden, der glücklich wirkt, und Sie wissen nicht, wie Sie seine Verzweiflung erklären sollen. Nun, es gibt verschiedene Möglichkeiten. Es könnte sich um eine Form von Depression handeln. Der Verlust eines geliebten Menschen, der Verlust eines Partners oder eine existenzielle Krise – wer kennt schon die Gründe? Aber ich möchte auf das Thema der Dualität zurückkommen, das ich persönlich mit allem verbinde. Um es klarzustellen: Geld, eine hohe Bildung und ein wohlhabendes Leben bedeuten nicht zwangsläufig, dass jemand glücklich ist. Man muss seine Geschichte kennen, seine Leidenschaften, seine Erfolge oder Misserfolge, seinen Platz in der Welt, um sein existenzielles Problem wirklich zu verstehen. Es wird viel über den Lebenstrieb, Eros, und den Todestrieb, Thanatos, gesprochen, aber Freud spricht auch vom Machtstreben. Mir fällt da zum Beispiel ein, dass jemand, der das Kind eines sehr mächtigen Mannes ist, ein friedliches Leben führen, reisen und an renommierten internationalen Universitäten studieren kann.“ Heutzutage entwickeln Kinder aus wohlhabenden Familien in der Regel keine besonders enge Bindung zu ihren Eltern. Und wenn doch, fällt es sehr auf.
„Meine Fragen beziehen sich immer auf den Titel Ihres Romans. Wollen Sie etwa andeuten, dass Reichtum den Menschen schadet?“, fragte der Junge in der vierten Reihe.
„Ich habe nichts gegen Reichtum. Es gibt reiche Menschen, die glücklich sind. Das hängt von ihrer Erziehung ab. Was ich ganz klarstellen möchte: Materielle Dinge bringen zwar Komfort und Wohlbefinden, aber sie werden niemals Liebe ersetzen. Manchmal, oder besser gesagt, in vielen Fällen, entmenschlicht uns Macht. Ein mächtiger Vater wird früher oder später seine Lebensvision an seinen Sohn weitergeben, damit dieser ihn nachahmt oder ihn vielleicht sogar übertrifft. Es kommt darauf an, wer der Vater ist, was er sich für seinen Sohn wünscht und welche Absichten er hat. Lässt er ihn er selbst sein oder wird er ihn manipulieren, um ihn nach seinem eigenen Bild zu formen?“
„Was meinst du damit?“, fragte der Junge.
„Das ist ein sehr umfassendes Thema. In diesem Fall setzt er ihn unter Druck, jemand zu sein, der er vielleicht gar nicht sein will. Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, da wir uns nicht auf ein einzelnes Stereotyp beschränken können. Es gibt narzisstische Eltern, die ihre Kinder ständig demütigen und sie davon überzeugen, dass sie Idioten sind. Daran habe ich keinen Zweifel. Sie sind manipulativ. Es wird davon abhängen, wie Ihr Sohn mit seinem verletzten Narzissmus umgeht und seine Persönlichkeit entwickelt, der durch den perversen Narzissmus seines Vaters noch verstärkt wird. Es ist durchaus möglich, dass Ihr Sohn sich selbst davon überzeugt, ein Idiot zu sein, und nicht in der Lage sein wird, das Leben aufzubauen, das er sich wünscht. Vergessen wir nicht, dass Erziehung und Zuneigung in Beziehungen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ein angehäuftes Machtstreben kann gefährlich für die Psyche sein, da dieses Streben gewalttätig ist. Wir laufen Gefahr, zu Psychopathen oder Monstern zu werden, gefangen in unserem Narzissmus.“
„Entschuldigen Sie meine Hartnäckigkeit bezüglich des Titels oder der Handlung“, sagte der Junge in der vierten Reihe. „Könnten Sie uns eine kleine Vorschau geben? Ich bin sehr neugierig, Herr Bongiorno.“
—Absolut. Was den Titel meines Romans und einige Schlussfolgerungen betrifft, kann ich Ihnen dazu etwas sagen. Ich glaube, wie bereits erwähnt, dass der Mensch zwei Seiten hat. In diesem Sinne vermittelt er durch seine Figuren schädliche Gedanken. Menschliche Leiden wie Hass, Groll, Neid, Verbitterung, Hoffnungslosigkeit und Ungleichgewichte, die uns in erbärmliche Zustände führen und uns zu Selbstmord oder Mord treiben können. Diesen stehen positive Gedanken, Empathie, Liebe, Verständnis und Großzügigkeit gegenüber.
—Wie würden Sie also mit der Dualität umgehen, von der Sie sprechen, wenn man bedenkt, dass das Subjekt sozusagen bereits seine Persönlichkeit entwickelt hat?— fragte der Junge.
Die Persönlichkeit könnte eine Art Persona sein, die einen Menschen mehr oder weniger so offenbart, wie er wirklich ist – oder vielleicht auch nicht. Wir müssen bedenken, dass es immer zugrundeliegende Faktoren gibt, die unsere Abwehrmechanismen verbergen oder die je nach den verschiedenen Variablen, die der Einzelne in seinen Lebensumständen erlebt, wirken. Nehmen wir zum Beispiel affektive Ambivalenz: Ich liebe dich, aber manchmal hasse ich dich. Manchmal verspüre ich einen überwältigenden Drang, dich zu töten, aber ich widerstehe und frage mich, warum ich ihm nicht nachgeben kann. Sind es unsere Emotionen oder unsere moralischen Strukturen, die den Tötungsdrang manchmal im Zaum halten, aber dennoch das Risiko bergen, dass er ausbricht? Dies geschieht manchen Menschen, selbst wenn sie diese Grenze nie überschreiten.
„Sie überqueren die Grenze nie, Herr Bongiorno, sind Sie sich da sicher?“, fragte der Psychologiestudent in der vierten Reihe.
—Manchmal, ja. Meistens sage ich nein. Es ist, als ob verschiedene Wesen in unserem Kopf koexistieren, mit uns sprechen und versuchen, uns zu dekonstruieren. Was ich sage, klingt schizophren, da die Ich-Struktur ständig gegen diese manchmal rücksichtslosen Charaktere ankämpft. Der Tötungstrieb ist in jedem latent vorhanden. Ein missbräuchlicher, demütigender Chef begeht psychischen Mord, wie ein Kollege in seiner Doktorarbeit erklärt. Er bringt einen guten Menschen, der seiner Herabsetzungen und Misshandlungen überdrüssig ist, dazu, eines Tages durchzudrehen und ihn mit Hammerschlägen auf den Kopf zu töten. Es ist sehr symbolisch, dass es der Kopf ist. Ist Ihnen bewusst, wie es ist, das Selbstwertgefühl zu zerstören? Deshalb lesen wir in den Zeitungen, dass eine Frau nach dreißig Jahren Ehe ihren Mann im Schlaf mit einer Schrotflinte erschießt, während er wehrlos ist. Ich will niemanden rechtfertigen oder ein Verbrechen gutheißen, aber können Sie sich vorstellen, welchen Missbrauch diese arme Frau in all den Jahren erlitten hat? Und umgekehrt natürlich auch; Es gibt auch Frauen, die Männer misshandeln, aber das kommt seltener vor. Unsere Reaktionen hängen von moralischer Konsequenz und der durch Neurosen geknüpften Verbindung ab, die manchmal versagt, von den Umständen und unserer Stimmung. Ich frage mich: Werden unsere Hemmungen greifen oder werden sie diesen Individuen freie Hand lassen, nach ihren eigenen Launen zu handeln?
„Letztendlich“, fuhr der Junge in der vierten Reihe fort, „sind wir eine tickende Zeitbombe oder eine Büchse der Pandora. Jeder Mensch ist ein Universum, das analysiert werden muss.“
Natürlich, und immer mit Blick auf seine Geschichte, auf seine Vorfahren. Töten ist nicht normal, aber es überrascht mich nicht, dass es jemand tut, unabhängig davon, ob er psychisch labil ist oder nicht. Die Grenze ist fließend. Es gibt extreme Fälle, besondere Situationen, in denen wir auf ein unvorhergesehenes Ereignis reagieren, das uns in eine Zwickmühle bringt. Wir sollten auch Menschen mit psychischen Problemen berücksichtigen, jenen Platz, den dieses mysteriöse Wesen mit dem scheinbar normalen Äußeren heute einnimmt: in Gedanken versunken, still, auf demselben Weg, den wir vielleicht gehen, auf derselben Kirchenbank, und manchmal wissen wir nicht, ob es in Frieden ruht oder jeden Moment explodieren könnte. Jedenfalls möchte ich eines klarstellen: Normalität existiert nicht, schon gar nicht in diesen Zeiten.
Die Dame in Reihe acht, die einen beigen Anzug trug, fragte sie:
„Aber warum sagst du das? Das macht mir große Angst. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hätte ich panische Angst, auf die Straße zu gehen und von jemandem überrascht zu werden, der so aussieht.“
„Seid nicht so beunruhigt. Wir leben in der Illusion der Unverwundbarkeit, weil wir glauben, uns könne nichts Schlimmes zustoßen. Wir konnten studieren, arbeiten, heiraten und eine Familie gründen. Wir klammern uns an eine Religion, die uns verspricht, nach dem Tod bei Gott zu sein. Wir erschaffen ein gesellschaftlich ansprechendes Stereotyp, das uns ein gewisses Maß an Harmonie ermöglicht. Trotz allem wissen wir tief in unserem Inneren, dass das Leben kurz ist und wir eines Tages sterben werden. Nichts gibt uns die absolute Gewissheit, dass dieser Erlösergott existiert und dass er uns nach dem Tod ewiges Leben oder das Paradies schenkt, nach dem wir uns so sehr sehnen. Auch garantiert nichts unsere geistige Gesundheit. Wir sehen Menschen, die, noch bevor sie alt werden, die Gegenwart vergessen und sich nur noch an die Vergangenheit erinnern, die sich verlieren, sei es an Altersdemenz oder einer anderen Krankheit, aber wir projizieren unsere eigenen Ängste auf sie und bekommen große Angst.“
„Warum wechseln wir die Schule?“, fragte der Junge in der vierten Reihe erneut.
Weil wir Menschen sind, erleben wir ein Phänomen, bei dem wir uns instinktiv in unseren Vorfahren wiedererkennen. Wir sind uns bewusst, dass unser genetisches Erbe uns beeinflussen kann. Jeder, wirklich jeder, trägt einen Funken Wahnsinn in sich. Trotzdem, trotz aller Widrigkeiten, glaube ich, dass es sich lohnt, das Leben so intensiv wie möglich zu leben. Wir sind hier, wir bleiben, wir planen, wir gestalten, denn zweifellos hat unsere Existenz einen Sinn; das Leben ist eine wunderbare Erfahrung. Zumindest glaube ich das, und ich hoffe, dass ich daran festhalten kann.
Lautes Gelächter und Zwischenrufe brachen aus dem Publikum aus, als erinnerten sich die Zuhörer an dramatische Szenen aus ihren eigenen Familien, denn der Autor hatte sie völlig unerwartet daran erinnert, dass Wahnsinn dem Menschen innewohnt. Und absolut niemand ist davon ausgenommen.
Der Psychologiestudent in der vierten Reihe hob die Hand:
Nun möchte ich, vielleicht mit Blick auf diese sehr interessanten Aspekte der Menschheit, fragen: Wenn man die Erziehung und die Art und Weise betrachtet, wie Zuneigung weitergegeben wird, also von Eltern an Kinder, warum kann etwas, das glücklich erscheint, manchmal ein Zeichen von Hoffnungslosigkeit sein?
Bongiorno gab mit einem Lächeln zu:
„Das kann natürlich sein. Alles ist relativ. Ich denke, es geht darum, die Balance zu finden. Das ist weder besonders einfach noch besonders schwierig. Eltern, die ihre Kinder täglich umarmen und küssen, ihnen Liebe, Verständnis und Unterstützung zeigen und ihre Fähigkeiten und Talente fördern – stets mit Respekt und Autorität, nicht mit autoritärem Verhalten –, erziehen ein tugendhaftes Wesen. Wenn sie ihnen die freie Berufswahl ermöglichen, damit sie sich über die erreichten Erfolge hinaus entwickeln können, müssen sie sich weniger Sorgen um die Zukunft und mögliche Schwierigkeiten machen. Tief in ihrem Inneren wissen sie, dass die durch Zuneigung, Erziehung und Moral geprägte Integrität, die sie als stark wahrnehmen, ihnen helfen wird, jede Widrigkeit zu meistern. Die Ernte wird wahrscheinlich wunderbar sein.“
Der kleine Mann in der dritten Reihe verdrehte mit einer gewissen Boshaftigkeit die Augen. In einem grotesken Ton rief er:
„Er sagt, er fühle sich nicht besonders, gibt aber zu, talentiert zu sein – oder zumindest, dass er sich selbst davon überzeugen müsse. Seine Aussagen sind sehr widersprüchlich, Herr Bongiorno. Er verwirrt diesen armen jungen Mann, indem er alles relativiert. Impulse und ein Haufen psychoanalytischer Unsinn, um Himmels willen! Ich verstehe, dass Sie als Psychoanalytiker damit umgehen können, aber ich nicht. Ich bin doch nicht blöd. Ich bin durchaus intelligent. Man muss schon sehr töricht sein, um nicht zu erkennen, dass Frustration und unerfüllte Ziele zu Unglück führen. Frustration macht uns verrückt, das Selbstwertgefühl wird zerstört, und wir halten alles für bedeutungslos.“
Bongiorno hörte nachdenklich zu, als wäre er nur ein weiterer Patient, der übermäßige Aufmerksamkeit benötigte und dem man im Sprechzimmer zu Wort kommen lassen wollte. Dieser kleine Mann hatte seine Gründe für seine Äußerungen; bedauerlich, ungeschickt und grob waren seine verbitterten Ausdrucksformen.
„Natürlich verstehe ich, was Frustration ist“, erwiderte Bongiorno. „Diese Gefühle erdrücken die Schwachen und können sie deprimieren oder in den Wahnsinn treiben, während sie die Starken noch stärker machen, Sir. Aber bitte fahren Sie fort; das Gespräch ist trotz Ihres ironischen und gereizten Tons durchaus interessant. Ich warne Sie: Diese Leute sind intelligent. Sie sind keine Idioten, wie Sie sie behandeln.“
„Das wird später klarer werden. Gut, dass Sie das verstehen, Bongiorno, so glaube ich zumindest. Aber haben Sie Ihre Aussage überhaupt analysiert? Sie schreiben, um der Monotonie oder Mittelmäßigkeit des Daseins zu entfliehen. Wollen Sie damit etwa sagen, dass Menschen, die nicht schreiben, mittelmäßig sind, weil sie vielleicht Arbeiter sind, ganz normale Leute, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen? Ist das nicht eine Beleidigung für das Publikum, das gekommen ist, um einen renommierten Schriftsteller zu sehen, wie die Realität doch beweist, und wir, wie Narren, Ehrlichkeit und Weisheit von Ihnen erwarten? Bitte, versuchen Sie, sich klarer auszudrücken, Herr Bongiorno.“
Die blonde Dame in Reihe fünf rief:
„Bitte lassen Sie ihn in Ruhe. Ich habe noch nie jemanden so rücksichtslos und zynisch erlebt, mein Herr. Wer sind Sie denn, dass Sie Herrn Bongiorno infrage stellen oder herausfordern, der sich so viel Mühe gegeben hat, uns gegenüber klar und deutlich zu sein? Es ist absolut unfair, wie Sie mit einem Schriftsteller sprechen, dessen Werk man mit Worten nicht angemessen würdigen kann. Lassen Sie ihn in Ruhe und halten Sie den Mund, Sie unverschämter Mensch.“
Ein großer Mann mit pferdeähnlichem Gesicht, der in der vierten Reihe saß, funkelte den schmächtigen Mann in der dritten Reihe wütend an. Er erklärte:
„Ich muss mich echt beherrschen, ihn nicht zu verprügeln. Beherrsch dich, sonst raste ich aus. Ich habe ihn nur deshalb nicht geschlagen, weil ich den Schriftsteller, den ich so sehr bewundere, respektiere. Niemand hat so eine Unhöflichkeit verdient, schon gar nicht am Tag der Veröffentlichung seines Romans.“
Es entstand ein Tumult, erfüllt von erstaunten und empörten Blicken, bis Stille im Raum einkehrte. Bongiorno sah ihn etwas streng an, bewahrte aber die Fassung. Er machte eine beschwichtigende Handbewegung und sagte:
—Sie sind ein äußerst aggressiver Mensch. War Ihnen bewusst, dass Sie die Öffentlichkeit verärgert haben?
Der kleine Mann in der dritten Reihe lächelte ziemlich boshaft und antwortete abweisend:
„Mir ist es egal, ob das Publikum verärgert ist. Anscheinend interessiert sich niemand für die Wahrheit. Wozu denn der ganze Aufruhr, wenn ich sage, was ich denke? Oder ist es etwa falsch, seine Meinung zu äußern, wenn man tief im Inneren weiß, dass man der Wahrheit sehr nahe ist? Jetzt muss ich mir auch noch von einer verrückten Frau anhören, die mich herausfordert, und von einem Schläger, der mir mit Prügel droht. Das ist doch ungeheuerlich! So ein kultureller Ort könnte sich in ein Schlachtfeld verwandeln.“
Bongiorno starrte ihn fassungslos an.
—Mein Herr, das haben Sie sich selbst eingebrockt. Ich bitte Sie inständig, niemanden zu beleidigen, am allerwenigsten eine Dame. Sie sind weit von der Wahrheit entfernt. Und wer kann schon behaupten, dass irgendetwas wahr ist? Dass wir uns der Wahrheit nähern – ich stelle nur eine Hypothese auf, um das klarzustellen –, vielleicht ist da ja etwas Wahres dran. Wenn Sie wirklich ruhig nachdenken und Ihre Fragen oder Kommentare analysieren würden, bevor Sie solche voreiligen Urteile fällen, würden wir jetzt nicht in diesen Worten sprechen, verstehen Sie?
Der kleine Mann in der dritten Reihe lächelte zynisch. Er sagte:
—Die Wahrheit ist, ich verstehe es nicht. Wie könnte ich es auch verstehen, wenn es voller Widersprüche ist?
Dann hast du also gar nichts verstanden. Um nun auf deine treffende Frage zurückzukommen: Was soll ich sagen? Ich bezog mich nicht auf irgendjemanden Bestimmten, sondern nur auf mich selbst und einige Schriftstellerkollegen, die mir zustimmten, als ich erklärte, dass ich schreibe, um der Monotonie oder Mittelmäßigkeit zu entfliehen. Schreiben tut mir gut; es erfüllt mich. Es wäre jedoch absurd zu behaupten, Schreiben sei für jeden befriedigend. Jeder Mensch erlebt, was er fühlt, was er sucht und was er erleben soll. Außerdem gestehe ich offen, dass ich mich in verschiedenen Phasen meines Schreibprozesses mittelmäßig gefühlt habe, und es gibt noch andere Aspekte, die hier nicht relevant sind, weil sie persönlich sind. Ich weiß nicht, ob das verständlich ist; ich sprach in diesem Fall für mich selbst, auch wenn wir mit einigen Schriftstellerkollegen übereinstimmten.
„Aber fühlen Sie sich denn nicht talentiert?“, fragte der schmächtige Mann in der dritten Reihe erneut. „Manchmal sind Sie so uneindeutig, dass ich Ihnen kaum glauben kann. Sind Sie talentiert oder halten Sie sich nur für talentiert? Sind Sie jetzt endlich von Ihrem Erfolg überzeugt oder brauchen Sie erst den Nobelpreis, um das zu glauben? Sie gieren nach den Lorbeeren der Schwedischen Akademie. Ich könnte schwören, Sie träumen davon, in jeder Zeitung der Welt zu erscheinen, nur aus Stolz. Na los, sagen Sie die Wahrheit. Ich mag keine gespielte Bescheidenheit. Ich habe diese ganze Heuchelei satt. Sie haben von Dualität gesprochen, deshalb bitte ich Sie, in Ihren Worten und Taten konsequent zu sein.“
Bongiorno lächelte, wirkte aber etwas müde. Er erklärte:
„Wenn ich gewinne, würde ich mich natürlich riesig freuen, warum auch nicht? Ob ich nun glaube, talentiert zu sein? Was spielt das schon für eine Rolle? Vielleicht bin ich es, vielleicht auch nicht. Aber ich muss zugeben, dass ich an mich selbst glauben muss, denn was spricht schließlich dagegen, an sich selbst zu glauben? Ich wollte den jungen Mann nicht verwirren. Ich habe nur seine Fragen beantwortet. Leider kenne ich das Geheimnis des Glücks nicht. Aber wenn man sich eine Meinung bildet, dann deshalb, weil man den Kern der Sache bis zum Erbrechen analysiert und relativiert hat. Ich bin nur ein Schriftsteller, der hier ist, um ein Buch vorzustellen.“
„Wissen Sie was?“, unterbrach der kleine Mann in der dritten Reihe. „Er hält sich wohl für etwas Besseres. Nur weil er im Leben Glück hatte, heißt das noch lange nicht, dass er über irgendjemandem steht, Herr Bongiorno.“
„Ich fühle mich niemandem überlegen, das ist absurd, um Himmels willen, ich hoffe, mir passiert das nie. Ich bin genauso fehlbar wie die meisten Menschen auf diesem Lebensweg, und oft fällt es uns schwer, unseren Platz im Leben zu finden. Eines ist jedoch ganz sicher: Ich mache die Dinge gern gut; ich bin ein ziemlicher Perfektionist. Nun gut, hat sonst noch jemand Fragen?“ Er blickte erwartungsvoll ins Publikum. Dann nickte er leicht dankbar und schloss:
Ansonsten bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihre Anwesenheit. Ich möchte nun zum Schluss kommen, da wir die Zeit überschritten haben. Die Mitarbeiter müssen jetzt gehen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, an der Präsentation meines Romans teilzunehmen. Ich hatte noch nie eine Veranstaltung, die so lange gedauert hat. Ehrlich gesagt, wirklich nicht. Aber ich denke, es ist so gekommen, weil die Diskussion so interessant geworden ist. Ich entschuldige mich, falls dieses Treffen eher psychologisch als literarisch gewirkt hat, aber dafür gibt es Gründe. Außerdem hängen beide Aspekte eng zusammen. Ich muss zugeben, es war sehr bedeutsam, in dieses dunkle Terrain einzutauchen und jene Bereiche zu erkunden, die wir so schwer anerkennen können und an denen wir manchmal bereitwillig teilnehmen. Es ist gut, sich der Werte, die wir noch vertreten, wieder bewusster zu werden, und ich hoffe, dass sie niemals verloren gehen. Es gab ein paar Zwischenfälle mit dem Herrn, dessen Namen ich leider nicht kenne – etwas, das mir noch nie passiert ist. Ich möchte ihm sagen, dass ich ihm trotzdem dankbar bin, da das Treffen sehr bereichernd war. Oh, entschuldigen Sie, ich möchte noch etwas hinzufügen. Ich bin sicher, dass es hier angehende Schriftsteller und Schreibbegeisterte gibt, die sich unsicher sind, ob sie anfangen sollen – oder vielleicht auch nicht, wer weiß? Manche von euch haben vielleicht schon ein besseres Verständnis für das Handwerk des Schreibens. Das ist ganz normal. Mir ging es am Anfang genauso. Diesen Menschen sage ich: Lasst euch nicht entmutigen, gebt eure Träume nicht auf und lasst euch von niemandem beeinflussen. Es gibt viele frustrierte Menschen, die sich nie getraut haben, etwas zu versuchen, und die nun ihre Erfahrungen weitergeben. Man mag sie für verrückt oder feige halten; dennoch lohnt sich das Schreiben. Vergleicht euch nicht mit anderen, seid einfach ihr selbst. Wie der große Borges, den ich sehr bewundere, schon sagte: Wenn ihr gute Schriftsteller werden wollt, lest die Klassiker immer und immer wieder. Lest dann, was euch gefällt. Alles hilft, alles trägt dazu bei, nichts wird dem Zufall überlassen. Manchmal ist dieses Handwerk sehr hart, weil man allein arbeitet und selten Anerkennung erntet. Bleibt nicht im Verborgenen und gebt nicht auf; glaubt an euch. Haltet durch, nur so kommt ihr ans Ziel. Das Leben bekommt mehr Sinn, wenn man ein klares Ziel hat. Nur Mut, das ist es, was Freud als Lebenstrieb bezeichnete. Vielen Dank. Nochmals vielen Dank, ich weiß gar nicht, wie ich dir genug danken soll. Du gibst mir so ein gutes Gefühl und ich hoffe, dir geht es genauso.
Das Publikum erhob sich langsam und begann zu applaudieren. So sehr, dass mancher Tränen in den Augen hatte und sie sich hastig wegwischte. Daraufhin überfluteten ihn unzählige Emotionen und unvollendete Erinnerungen in einem Blitzlichtgewitter, das Herrn Bongiorno fast benommen blinzeln ließ. Eine lange Schlange von Menschen hatte sich gebildet, die darauf warteten, dass er ihre Bücher signierte. Er zog einen Füllfederhalter hervor und begann freudig zu signieren, wie er es schon immer in seiner Karriere getan hatte, bevor er ein berühmter Autor geworden war. Doch der Anblick der Wartenden musste ihn ungemein glücklich gemacht haben. Auf der einen Seite servierten zwei Männer in weißen Jacken Wein und Canapés; das half, die Anspannung zu lösen, und sie umringten Bongiorno friedlich, der freundlich Fragen von Journalisten und anderen Bewunderern seiner Werke beantwortete. Der schmächtige Herr in der dritten Reihe stand abseits, hielt ein Glas Wein in der Hand und warf einen flüchtigen Blick auf ein Exemplar des Romans, dessen Rückseite er nur flüchtig überflog. Er sah aus, als würde er jeden Moment vor Wut explodieren. Jeder Schluck seines Getränks war wie ein Giftstoß in seine Eingeweide. Er beobachtete Bongiorno mit Faszination und zugleich mit einem tiefen Groll, der seit Jahren in ihm schlummerte, seit er dessen Werke obsessiv las. Nichtsdestotrotz hatte ihn „Die dunklen Zonen deiner Eingeweide“, obwohl er es nicht gelesen hatte, bis ins Mark erschüttert und seinen Narzissmus im Kern getroffen. Er fühlte sich frustriert, sowohl als Schriftsteller als auch als Ehemann, der unter tragischen Umständen verlassen worden war. Bongiornos abschließende Bemerkung über die Förderung angehender Schriftsteller wurde nicht als Geste der Empathie oder Kooperation verstanden, sondern als Produkt seiner Dunkelheit, als ein Akt der Arroganz, getarnt als Fanatismus.
Etwas mehr als fünfundvierzig Minuten waren seit Beginn des Toasts vergangen, als ein Blitz alle erschreckte. Plötzlich leerte sich der Raum. Eine Frau bedauerte, keinen Regenschirm mitgebracht zu haben, da der Regen immer stärker wurde. Bongiorno sprach mit seinem Redakteur, schüttelte ihm die Hand und sah ihm nach. Dann begrüßte er die wenigen Wartenden am Eingang und suchte mit den anderen Schutz, um abzuwarten, bis der Platzregen nachließ. „Was für ein Idiot ich doch war, nicht mit dem Auto zu fahren“, dachte er bei sich. „Vielleicht werde ich einfach alt“, sinnierte er und presste resigniert die Lippen zusammen. Er hasste es, in der Stadt Auto zu fahren; der Verkehr stresste ihn bis zur Erschöpfung. Er wohnte zu weit weg, um zu Fuß zu gehen. Zehn Jahre lang war er mit dem Taxi gefahren, aber wie sollte er unter diesen Umständen eines finden? Die meisten Taxis, die er vorbeifahren sah, waren besetzt, und die wenigen, die frei zu sein schienen, wurden von Fußgängern aufgeschnappt, die vor dem Unwetter flohen, das bedrohlich über Córdoba tobte. Er ging im Regen die Straße 27 de Abril entlang. Er hörte ein Hupen, dachte aber nicht, dass es ihm galt. Er ging weiter, denn sein Schicksal lag in seinen Händen, die sich zwischen dem schlechten Wetter und seiner Sorge um den Heimweg abspielten. Nach etwa hundert Metern war sein Anzug völlig durchnässt. „Was für ein Idiot“, sagte er wieder zu sich selbst, mit der Mutlosigkeit eines älteren Menschen, der eine düstere Lage vorausahnt und spürt, dass seine Kraft, diese Tortur zu überstehen, nicht mehr so ​​groß ist wie in seiner Jugend. Er hörte ein weiteres nerviges Hupen, und als er sich umdrehte, sah er den kleinen Mann aus der dritten Reihe, der das Lenkrad eines heruntergekommenen, verblichenen Peugeot 504 umklammerte. Das kann doch nicht sein, dachte er, aber es ist verrückt, diesem provokanten Kerl zu begegnen, der das Treffen beinahe in einen Albtraum verwandelt hat. Es stimmte, er hatte einen gewissen perversen Reiz, das gab er sich selbst zu, aber er verunsicherte uns alle mit seinen wirren Vermutungen. Der kleine Mann aus der dritten Reihe kurbelte sein Fenster herunter und bedeutete ihm nach einer weiteren Hupenserie, einzusteigen. Er rief:
„Komm schon, steig ein. Mein Auto ist zwar eine alte Schrottkarre, aber ich bringe dich überall hin. Es ist zwar alt, aber es hat mich noch nie im Stich gelassen, weil es mir sehr treu ist, und Treue schätze ich sehr, besonders in diesen unsicheren Zeiten, in denen man nicht mehr weiß, wem man trauen kann.“
Bongiorno blieb nachdenklich und analysierte das Gehörte. Die Äußerung dieses seltsamen Mannes, der die Treue eines leblosen Gegenstandes zu sich selbst pries, klang für ihn morbide. Sie klang sogar schizophren. Er sagte:
—Vielen Dank, aber ich wohne sehr weit weg. Ich werde es schon irgendwie schaffen, Sir. Keine Sorge, so etwas kommt vor.
„Entschuldigen Sie. Könnten Sie mir sagen, wo Sie wohnen oder wohin Sie gehen?“, fragte der kleine Mann in der dritten Reihe eindringlich.
„Villa Rivera Indarte“, sagte Bongiorno, der sich dachte, er würde ihn loswerden, sobald ihm klar wurde, wie weit die Fahrt sein würde. „Es wäre sinnlos, mich mitzunehmen. Vielen Dank. Keine Sorge, ich nehme mir ein Taxi, sobald es aufhört zu regnen.“
Der kleine Mann in der dritten Reihe öffnete die Augen mit einem Ausdruck ungeduldiger Freude. Er rief aus:
„Echt ein Zufall! Ich wohne ganz in der Nähe und würde Sie gern mitnehmen. Bedenken Sie, dass wir in unserem Alter bei diesem plötzlichen Kälteeinbruch anfällig für Lungenentzündung sind. Und Sie sind ja nicht dumm, Sie sind ein alter Mann und kennen die Folgen. Córdoba wurde früher oft überschwemmt. Dasselbe könnte passieren, wenn dieser Wolkenbruch nicht aufhört. Der Bau von La Cañada war damals sehr gut durchdacht, aber bei starkem Regen wird die Wasserkraft so gewaltig, dass es aussieht, als würde alles überlaufen. Hochspannungsleitungen fallen bei Stürmen oft herunter. Sie erleben gerade einen ganz besonderen Moment in Ihrer Schriftstellerkarriere. Ich glaube nicht, dass Sie sterben wollen, nur um in das Auto des Mannes zu steigen, der Sie am Tag der Veröffentlichung Ihres Romans belästigt hat. Das Leben sollte uns vorbereiten, oder besser gesagt, wir sollten uns darauf vorbereiten, mit solchen Ereignissen umzugehen. Seien Sie nicht leichtsinnig, steigen Sie ein.“
Der Schriftsteller fühlte sich von einer ihn erdrückenden Realität und der Gelegenheit, die dieser Wahnsinnige genutzt hatte, um ihn zu manipulieren, überwältigt. Bongiorno war ein großer, stämmiger Mann mit blauen Augen; der typische Norditaliener mit germanischen Zügen. In seiner Jugend hatte er geboxt, doch trotzdem erschien es ihm mehr als absurd, in das Auto eines Fremden zu steigen, nachdem er sich nur Minuten zuvor in einem vollen Raum aggressiv verhalten hatte. Ein Busfahrer gab plötzlich Gas und spritzte ihm Schlammwasser in den Anzug. Obwohl er bereits nass war, sollte er versuchen, sich wegen des kleinen Unfalls keine Sorgen zu machen. Dennoch war er empört über die Rücksichtslosigkeit des Busfahrers. „Niemand respektiert heutzutage noch die Alten“, dachte er laut. Er fühlte sich alt, verletzlich. In seiner Unsicherheit betrachtete er ihn nachdenklich. Er sah ihn als so klein an, nicht nur körperlich, sondern auch in der Armut seiner wütenden Gedanken, in seinen widersprüchlichen und boshaften Banalitäten, dass er mit den Achseln zuckte und für einen Moment die Augen schloss. Er dachte bei sich: „Was für ein armer Kerl, und ich wäre ein verdammter Heuchler, wenn ich zustimmen würde.“ Dann sah er ihn unentschlossen an. Und obwohl ihn eine innere Stimme davor warnte, die Einladung anzunehmen, beschloss er, die Straße zu überqueren und trotzdem einzusteigen. Als er den Wagen startete, entschuldigte sich der kleine Mann in der dritten Reihe für sein aggressives Verhalten. Er versuchte seinen Ausbruch zu rechtfertigen, indem er sagte, er habe Schwierigkeiten, seine Impulse zu kontrollieren, da er das Gefühl habe, sein Kopf würde explodieren, wenn er seine Gedanken nicht ausdrücken könne. Bongiorno, fast ungerührt, erwiderte, alles sei machbar, wenn man von etwas wirklich überzeugt sei und den Willen zur Verbesserung habe. Er suchte vergeblich nach dem Sicherheitsgurt, da dieser aufgrund des veralteten und vernachlässigten Zustands des Wagens nicht vorhanden war. Der kleine Mann in der dritten Reihe warf ihm einen Seitenblick zu, gab abrupt Gas, nahm dann einen schmutzigen Lappen aus dem Handschuhfach und wischte die Innenseite der Windschutzscheibe ab, um die Feuchtigkeit zu trocknen, die die Sicht beeinträchtigte. Die Fahrt zog sich endlos hin, sei es wegen des dichten Verkehrs, der halb überfluteten Straßen oder der kurvenreichen Wege, die der kleine Mann in der dritten Reihe bewältigen musste. Nachdem sie sich über verschiedene klassische und zeitgenössische Schriftsteller unterhalten hatten, fuhren sie endlich in Villa Rivera Indarte ein. Bongiorno deutete mit dem Zeigefinger auf die Straße, in die sie abbiegen sollten. Doch der Fahrer ignorierte ihn und fuhr ungerührt weiter. Später sah er ihn gleichgültig an und sagte:
—Wenigstens einen Kaffee, Herr Bongiorno, und ich lasse mich nicht mit einem Nein abspeisen.
—Aber was machst du denn? Ich kann nicht, es ist spät, meine Frau wartet auf mich. Ich möchte nicht, dass sie sich Sorgen um mich macht.
„Ich verstehe das nicht. Du hast eine Frau, und sie ist nicht zur Buchvorstellung gekommen? Wenn es etwas gibt, das ich nie verstehen werde, dann sind es Frauen. Man gibt ihnen alles, und so danken sie es einem. Sie gehen, sie gehen einfach, sie sind furchtbar. Sie sind nie zufrieden, sie suchen immer nur nach einem Grund, unser Leben zu ruinieren. Sie sind wundervolle Menschen, wenn sie verliebt sind, aber das hält nicht lange. Du, der du schon viel erlebt hast, wirst mir sicher zustimmen. Ich bin mehr als überzeugt.“
„Meiner Frau ging es nicht gut. Ich habe ihr vorgeschlagen, hier zu bleiben und sich auszuruhen. Bitte halten Sie an; ich steige aus. Seien Sie bitte dieses Mal rücksichtsvoll; wir können uns ein anderes Mal auf einen Kaffee treffen und uns ausführlich unterhalten, mein Herr.“
„Ich werde nicht anhalten, keine Chance. Wir trinken einen Kaffee, unterhalten uns über Literatur, und dann bringe ich dich nach Hause. Keine Sorge, wir sind Kollegen. Du hast auf deiner Konferenz viel mit deinen idiotischen Anhängern geredet. Jetzt hast du die Gelegenheit, dich mit einem intelligenten Menschen zu unterhalten, der zufällig in diesem alten Auto sitzt und uns mitgenommen hat. Komm schon, sei nicht undankbar.“
Bongiorno riss wütend die Augen auf und erkannte sofort, dass dieser finstere kleine Mann alles von Anfang an akribisch geplant hatte und er, wie ein Narr, zugestimmt hatte, obwohl er wusste, dass er es mit einem gefährlichen Kerl zu tun hatte. Nach und nach erinnerte er sich daran, ihn in demselben Laden einkaufen gesehen zu haben, in dem er sonst seine Besorgungen erledigte. Er erinnerte sich an Frau Teresas Bäckerei, so alt und beliebt in der Gemeinde, obwohl er sich nicht mehr genau erinnern konnte, wie viele Jahre er dort schon Brot, Croissants oder Kekse für seinen Kumpel gekauft hatte. Auch die Reifenwerkstatt der Machuca-Brüder, wo sie ihm schon mehrmals die Reifen repariert hatten und wo der Mann neben ihm einmal lautstark mit ihnen gestritten hatte, war eine zufällige Begegnung. Als liefe in seinem Kopf ein alter Schwarzweißfilm ab, erinnerte er sich an die unzähligen Male, als er diesen Wahnsinnigen an verschiedenen Orten beim Einkaufen oder Zeitunglesen beobachtet hatte. Die Gründe für diese scheinbaren Zufälle deuteten darauf hin, dass er mit einer seltsamen Besessenheit beobachtet wurde, die ihm zuvor nicht aufgefallen war. Doch angesichts der Umstände rüttelte sein viel erforschtes und analysiertes Unterbewusstsein ihn auf und ließ ihn erkennen, dass sein Leben in Gefahr war. Natürlich waren das keine Zufälle, ganz bestimmt nicht. Als er die Bibliothek von Córdoba verließ, war kein Sturm vorhergesagt, dachte Bongiorno. Trotzdem hatte er sich verschworen, diesem Mann das schlechte Wetter auszunutzen und eine überzeugende List auszuhecken, um ihn in sein Auto zu locken. Ihm wurde schwindlig, ein Wirbelwind aus widersprüchlichen Gedanken, Wut, die er zu unterdrücken versuchte, und seiner naiven Entscheidung, ihm zuzuhören und ihm zu glauben, obwohl ihn eine innere Stimme davor gewarnt hatte. Was führte dieser seltsame Mann im Schilde, dieser Mann, der ihn gewaltsam mitnahm, aus unerfindlichen Gründen? Er spürte die Verzweiflung darüber, dass er manipuliert wurde, und schrie:
„Sie begehen eine Straftat, Sir. Hören Sie auf, sonst öffne ich die Tür. Ich will nicht gewalttätig werden; so bin ich nicht. Bitte hören Sie auf, sonst werden Sie die Konsequenzen später bereuen. Sie berauben mich meiner Freiheit. Das ist Entführung.“
Mit einem boshaften Blick und einem Ausdruck, der Entsetzen verriet, warf der Fahrer ihm einen Seitenblick zu, lächelte, als genieße er Herrn Bongiornos Unbehagen, rümpfte die Nase und sagte:
—Glaubst du etwa, ich hätte Angst vor dir? Mach mich nicht lächerlich, ha ha, sei nicht so dumm, gönn dir wenigstens einen Kaffee, sonst wirst du es bereuen, denn du hast keine Ahnung, mit wem du sprichst, du Besserwisser-Schriftsteller.
Bongiorno packte ihn am Hals und schüttelte ihn. Doch der Wagen fuhr weiter. Nachdem er mehrmals auf ihn eingeschlagen hatte, sodass der Kopf des Fahrers die Scheibe zersplitterte, packte er den Schalthebel und legte den Leerlauf ein. Der Peugeot 504 prallte langsam gegen einen Baum, und beide Männer erstarrten vor Schreck über den leichten Unfall. Bongiorno schaffte es gerade noch, die Tür zu öffnen, stieg aus und ging los. Es war dunkel, der Regen prasselte herab, und die Sicht war schlecht. Er fühlte sich unsicher, ihm war schwindelig, und er drohte, die Orientierung zu verlieren. Die Straße war fast zu einem Schlammloch geworden und wirkte wegen des Sturms wie ausgestorben. Auch der kleine Mann in der dritten Reihe, dessen Stirn blutete, schaffte es auszusteigen. Er richtete eine Pistole auf ihn und rief:
„Wo willst du denn hin, du Idiot? Sieh dir an, was du angerichtet hast, verdammt nochmal! Du hast dich auf deiner Konferenz wie ein Intellektueller aufgeführt. Das hättest du nicht tun sollen; du hast dich als ein ziemlich primitiver Mensch entlarvt. Du verhältst dich wie die meisten Leute; du konntest deine Impulse nicht kontrollieren. Du bist ein Heuchler.“
Bongiorno erhaschte einen Blick auf die Waffe, dann blickte er erschrocken in seine Augen und antwortete:
—Zu mir nach Hause, wohin sollte ich denn sonst gehen? Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass meine Frau auf mich wartet. Wollen Sie mich etwa erschießen? Was soll ich denn tun, bei Ihnen bleiben?
„Nun, das ist Ihre Entscheidung. Ich habe Sie auf einen Kaffee eingeladen, und Sie zahlen eben so. Außerdem hat uns mein Auto hierhergebracht, auch wenn es alt ist. Ich sehe Sie nicht, dass Sie sich für die Mitfahrgelegenheit bedanken. Mein Auto ist zuverlässig, das war es schon immer. Sie haben sich immer noch nicht entschuldigt. Der Aufprall hat Ihre Frontpartie zerstört. Ich bin blutüberströmt. Was ist mit Ihren Hemmungen passiert, Mr. Bongiorno? Sie scheinen diesmal nicht gewirkt zu haben. Wollen Sie mir jetzt einen Vortrag über die Dualität des Menschen halten? Lebenstrieb, Todestrieb oder der Drang zu töten, den ich gerade wirklich spüre?“
Bitte verstehen Sie, dass jeder unter solch einem einschüchternden Druck unterschiedlich reagieren kann. Manche reagieren nicht aus Angst, andere vielleicht aus Verzweiflung. Sie zwingen mich, Ihren Willen zu tun. Das ist nicht normal. Was Ihr Auto angeht, keine Sorge, ich übernehme die Kosten. Machen Sie sich keine Gedanken; es ist nur Metall und lässt sich reparieren.
„Behalt dein Geld. Mir ist dein verdammtes Geld scheißegal. Ihr Reichen glaubt, alles ließe sich mit Geld regeln. Ich bin moralisch angewidert von eurer Boshaftigkeit und euren schlechten Manieren. Geh jetzt diesen Weg entlang. Das ist mein Haus. Mach keinen einzigen falschen Schritt, sonst erschieße ich dich. Ich höre viele Stimmen, die mir befehlen, dich zu erschießen. Ich kämpfe darum, diese Stimmen in meinem Kopf zu unterdrücken, die mich anflehen, dich zu erschießen.“
Bongiorno hörte fassungslos zu und sagte:
„Sie sind völlig durchgeknallt. Sie entführen mich und behaupten, moralisch verstört zu sein? Ich werde gegen meinen Willen festgehalten, aber in was für einer Welt leben wir denn bitte? Sie reden von schlechten Manieren? Das ist doch lächerlich! Hören Sie auf, mit der Waffe auf mich zu zielen, ich bin unbewaffnet. Ich verstehe Ihr Verhalten nicht. Dachten Sie etwa, ich sei eine Person des öffentlichen Lebens? Glauben Sie, niemand hat gesehen, wie ich in Ihr Auto gestiegen bin? Erinnern Sie sich nicht, wie aggressiv Sie bei meiner Buchvorstellung waren? So etwas vergisst man nicht, vor allem nicht, wenn ich unter solchen Umständen verschwinde.“
Der kleine Mann in der dritten Reihe lachte völlig unbekümmert.
„Sei kein Idiot, komm rein, sonst wirst du es bitter bereuen“, sagte er und ging so energisch auf ihn zu, dass er ihm den Pistolenlauf an die Kehle presste, als wolle er ihn erschießen. „Ich warne dich: Nenn mich nie wieder verrückt, denn das wird viel schlimmer, als du denkst. Gib mir dein Handy. Und außerdem, glaub ja nicht, dass du so wichtig bist. Oder denkst du, die Leute haben nichts Besseres zu tun, als sich so um dein Leben zu sorgen? Haha, du bist ja lächerlich, eine Person des öffentlichen Lebens, wichtig? Dein Ego ist ganz schön aufgebläht.“
Bongiorno ging langsam, passierte das erste Tor und als er gerade durch die Haupteingangstür gehen wollte, spürte er einen Schlag in den Nacken, der ihn zu Boden warf. Als er aufwachte, wusste er nicht, wie viele Minuten er dort gelegen hatte. Er berührte seinen blutenden Kopf und als er versuchte aufzustehen, verspürte er Schwäche in den Beinen, gefolgt von heftigen Schmerzen in Nacken und Schultern. Er hörte, dass der Fernseher lief und die Lautstärke zu hoch eingestellt war. Obwohl sie bereits Anzeichen dafür bemerkt hatte, dass sie es mit einem gefährlichen Mann zu tun hatte, hätte sie sich nie vorstellen können, dass sie mit einem so Verrückten zusammen sein würde, der zu so vielem bereit wäre. Sie fragte sich, ob sie einen Albtraum erlebte. Er wünschte es sich sehnlichst. So sehr, dass er die Augen schloss, als wolle er den Ort, an dem er lag, nicht sehen; sein Kopf blutete bereits von der ungewöhnlichen Erwartung einer weiteren heftigen Reaktion; wahrscheinlich die eines Psychopathen oder zumindest die eines verbitterten Perversen, der nicht verstand, wie das Leben ist, seine Regeln, und der seine Frustrationen an dem ersten Narren auslassen wollte, der ihm über den Weg lief. Doch die Realität sah anders aus und er fühlte sich dadurch wie ein richtiger Idiot. Als er einen Blick zur Seite den langen Flur entlangwarf, der zu den Schlafzimmern führte, sah er eine große, mit Büchern vollgestopfte Bibliothek. Der Kerl war ein armseliger Kerl; aber das war offensichtlich und man musste nicht besonders intelligent sein, um das zu erkennen - obwohl er sich zumindest auf der Reise von Córdoba nach Villa Rivera Indarte als kultivierter, umsichtiger Mann erwiesen hatte, mit einer gewissen Weltgewandtheit, die er durch sein Leben im Nachkriegseuropa in der Blüte seiner Jugend in den fünfziger Jahren erlangt hatte. Zweifellos war etwas geschehen, das ihn zu einem so bösen Mann gemacht hatte. Er sah eine alte, zerlegte Nähmaschine, als ob sie auf ihre Reparatur warten würde, einen Werkzeugkasten auf dem Esstisch; auf der Küchentheke sah er den zusammengeklappten Weihnachtsbaum, der weggeräumt werden sollte. Er sah das schmutzige, verlassene Haus, dessen Wände bereits von der alten Farbe abblätterten. Er sah das Porträt von Jean Paul Sartre mit seiner charakteristischen Pfeife. Er sah überall Unordnung und roch widerliche Gerüche. Er konnte auch Kakerlaken auf dem Boden sehen, wo er lag. Er empfand Ekel und Hilflosigkeit. Er schien einen Albtraum zu erleben und hatte das Gefühl, dass dieser lange dauern würde. Er glaubte, solche schmutzigen Erlebnisse gäbe es nur in amerikanischen Filmen. Er hätte sich nie vorstellen können, dass ihm das passieren könnte. Bongiorno erinnerte sich, dass dieser Mann während der Präsentation seines Romans ziemlich aufgeregt wirkte, als er von unerfüllten Zielen, Frustration und geringem Selbstwertgefühl sprach. Als wäre die einzige Linse, durch die ich die Welt sehen oder wahrnehmen könnte, grau, verschwommen, dekadent; frei von Bedeutung und einer fast verschwundenen Hoffnung. Sie hatte bereits mit Patienten mit ähnlichen Charakteristika gearbeitet, aber dies war das erste Mal, dass sie auf eine so umstrittene und zeitweise wahnhafte Persönlichkeit traf. Er sah, wie er die Lautstärke am Fernseher leiser drehte, dann eine Eiswürfelform herausholte, sie in eine Plastiktüte einwickelte und auf ihn zuging. Er reichte ihr die Tasche, um die Schwellung an ihrem Kopf zu lindern. Er machte ihr einen Heiratsantrag:
„Zieh es an, es wird dir guttun, wenn du es eine Weile anbehältst. Siehst du? Ich bin gar nicht so schlimm, wie du denkst. Nun ja, es war erstmal nur ein kleiner Schlag, schließlich hast du mich zuerst getroffen. Ich habe über Dualität nachgedacht. Ehrlich gesagt, würde ich dich am liebsten umbringen, aber jetzt tut es mir leid, dich so zu sehen. Ich weiß nicht, wie ich in Zukunft reagieren werde. Du hast vor ein paar Stunden in deinem Vortrag viel geredet, und ich war beeindruckt von deinen Gedanken dazu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du mich, auch wenn du es nicht zugibst, schon für verrückt erklärt hast. So machen das Therapeuten; ich werde dich dafür nicht verurteilen.“
Bongiorno berührte seinen Kopf und fragte:
—Ist deine Frau nicht hier? Was würde sie sagen, wenn sie mich so sähe?
„Sie ist tot. Sie wollte gehen und ist gestorben. Das Leben ist ein Kreislauf; wer mich verrät, stirbt, ganz sicher. Wenn Sie sie sehen wollen, ihre Asche steht in der Urne direkt neben ihrem Foto im Regal. Sie war in ihrer Jugend wunderschön, aber ich habe sie nicht nur wegen ihres Aussehens gewählt. Ihre Intelligenz hat mich fasziniert. Wenn sie sprach, überwältigte sie mit ihrer intellektuellen Ausstrahlung und ihrer großen Schönheit.“
Bongiorno spürte einen Schauer. Ihr wurde klar, dass dieser kleine Mann sie ermordet hatte, weil sie ihn im Stich gelassen hatte. Aber wie hatte sie nur so dumm sein können, ihn in ihr Auto zu lassen? Wo war ihr Verstand geblieben, dass sie ihm so leichtgläubig vertraut hatte? Sie sah ihm mit einer gewissen Angst direkt in die Augen und sagte:
Es tut mir so leid, das muss sehr schmerzhaft für Sie gewesen sein. Das sind wirklich furchtbare Situationen. Wir, die wir einen geliebten Menschen verloren haben, können das gut nachvollziehen, denn es ist eine lebenslange Trauer. Man vergisst es nie.
Der kleine Mann in der dritten Reihe lächelte zynisch.
„Du hast panische Angst. Haha. Ich kann’s riechen. Du hast wirklich Angst vor mir, und das tut mir nicht leid, denn ich empfinde nichts für diese Frau. Hör auf, so zu tun, als wolltest du dich retten, und halt mich nicht für dumm. Du weißt genau, was mit ihr passiert ist. Sie hat mich betrogen, und sieh dir an, was aus ihr geworden ist. Steh jetzt ganz vorsichtig auf. Ich verachte schwache Menschen. Fehler müssen in diesem Leben bestraft werden. Sie hat dafür bezahlt, und wie, du verdammte Schlampe! Ich habe sie wahnsinnig geliebt, ich habe ihr alles gegeben, was einer Frau zusteht. Sie war undankbar. Ich hoffe, sie verrottet in der Hölle. Geh ins Bad und wasch dir das Blut ab; du schmierst es überall auf den Boden. Setz dich danach auf diesen Stuhl. Ich wische das Blut weg.“
Wenn er die Tat gestanden hätte, schloss Bongiorno, während er sich die Haare wusch, würde er ihn mit Sicherheit auch umbringen. Es war offensichtlich. Er warf einen Blick zum Badezimmerfenster, doch bei näherem Hinsehen erkannte er, dass es zu klein war, als dass er hindurchgepasst hätte, und verwarf den Gedanken sofort. Wenn es stimmte, dass er seine Frau ermordet hatte, warum war er dann frei? Wie hatte er sich der Polizei gegenüber so leicht rechtfertigen können? Seine Intelligenz, dachte Bongiorno, garantierte keinen Erfolg. Er erkannte paranoide Züge in diesem kleinen Mann, psychopathische Störungen, Größenwahn, schizophrene Elemente, aber trotz all seiner Fehler schien er ihm ein recht intelligenter Kerl zu sein, der seine Gefühle im Griff hatte, wenn er frustriert war. Wenn Bongiornos Strategie beim Verlassen des Badezimmers darin bestünde, ihn wie einen Patienten zu behandeln, würde das nach hinten losgehen, da er ihn nicht für einen Idioten hielt und es eine Unterschätzung wäre, es zu versuchen. Plötzlich hörte er ihn näherkommen und rufen:
„Wollen Sie da bleiben? Hier, nehmen Sie etwas Desinfektionsmittel und Verbandsmaterial. Ich bringe Ihnen einen Verband, falls es weiterblutet. Kommen Sie schon, bringen Sie sich endlich in Ordnung. Das Blut macht mir zu schaffen. Ich tue das nicht aus Mitleid, und ich möchte klarstellen, dass ich mich nicht schuldig fühle. Sie allein tragen die Schuld an dem, was passiert ist. Ich mache Ihnen Kaffee, wie ich Ihnen schon gesagt habe. Kaum zu glauben, dass Sie vor wenigen Stunden noch wie ein Professor gesprochen haben. Wenn Ihr Publikum Sie so erbärmlich sehen würde, wäre Ihr Image ruiniert, Herr Bongiorno.“
—Scheinst du dich zu freuen, mich so zu sehen, oder irre ich mich?
„Natürlich freut mich das. Sehr. Dachtest du etwa, du könntest durch dieses winzige, kümmerliche Badezimmerfenster entkommen? Mit so einem Körper wie deinem ist das praktisch unmöglich. Du hast ja schon versucht zu fliehen, indem du meinen Kopf gegen die Scheibe geschlagen hast. Du hättest mich mit Sicherheit töten können. Zwischen dir und mir gibt es nicht viel Unterschied. Wir neigen beide zum Mord. Aber ich bin kein Amateur; ich habe alles durchdacht. Wenn du fliehen willst, erschieße ich dich ohne zu zögern. Es regnet, und wir sind auf dem Land. Die Häuser stehen auf sehr großen Grundstücken. Glaubst du, irgendjemand könnte hören, was hier drinnen vor sich geht?“
Bongiorno senkte langsam den Blick zu Boden.
„Es bricht mir das Herz, dass Sie das erleben. Wenn es mir so geht, dann nicht freiwillig. Ich bin seiner Kontrolle ausgeliefert. Ich habe mir nicht ausgesucht, in das Haus eines Mannes zu gehen, der mich mit vorgehaltener Waffe hineinzwingt und mir auf den Hinterkopf schlägt. Ich bin völlig wehrlos, Sir. Soweit ich das beurteilen kann, habe ich im Dialog keine Möglichkeit, etwas zu ändern.“
„Und wie wollen Sie da bloß wieder rauskommen? Das wird nicht einfach. Ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken. Sie haben sich das selbst eingebrockt, indem Sie mich auf so widerlich verächtliche Weise zurückgewiesen haben. Ich hatte Ihnen doch nur vorgeschlagen, wenigstens einen Kaffee zu trinken. Ich wollte mich mit einem Kollegen über Literatur, über das Leben unterhalten, und Sie haben mich wie Dreck behandelt, indem Sie meine Einladung abgelehnt haben.“
„Was soll ich denn sagen? Es ist schwer, objektiv zu antworten, wenn du ständig deine Waffe auf mich richtest. Ich weiß nicht, du hast diese Macht. Oder planst du, mich zu töten? Gewalt bringt uns nirgendwohin, aber ich sehe, dass du so vorgehst, mit diesen Gangster-Regeln. Ich glaube an Gott, und ehrlich gesagt ist es mir egal, was du mit mir machst. Ich werde nicht gewalttätig sein, ganz bestimmt nicht. Du bist ein Feigling, denn die einzige Möglichkeit, mich zu kontrollieren, ist, deine Waffe auf mich zu richten.“
Der wütende kleine Mann schrie ihn an:
„Halt die Klappe, sonst schieß ich dir in den Kopf! Du bist nicht in der Verfassung, irgendetwas zu sagen. Siehst du nicht, dass ich meine Waffe auf dich richte?“ Damit zog er den Arm und feuerte fünfmal schnell hintereinander mit seiner 9-mm-Bersa auf die verschiedenen Wände des Esszimmers. Eine der Kugeln traf die Kaffeemaschine, die pfeifend überkochte. Die Kugeln prallten ab, trafen sie aber nicht. Es war ein Wunder, dass eine Tragödie nicht verhindert wurde.
Bongiorno begann zu zittern. Er war sehr nervös und verängstigt. Er glaubte, sein Leben stünde kurz bevor. Dennoch wagte er es, sie zu fragen:
„Was tust du da? Bist du wahnsinnig geworden? Wir hätten sterben können. Ich verstehe deine Entscheidung, zu schießen, nicht. Nun, ich bin bereit für alles, was kommt. Tu, was du willst, oder glaubst du, ich werde dich anflehen? Ich kann mir schon ausmalen, wie das enden wird. Du wirst mich töten und dann Selbstmord begehen, nicht aus Schuldgefühlen, denn du hast nie Schuldgefühle empfunden, sondern damit niemand vergisst, wer Luca Bongiorno getötet hat. Du planst das; du schätzt dein eigenes Leben nicht, geschweige denn meins oder das von irgendjemand anderem. Du stürzt dich in die finstersten Abgründe deines Wesens.“
Der kleine Mann blickte ihn lächelnd an.
„Lass mich nicht lachen. Du hast Angst, große Angst. Du scheinst dich für unheimlich wichtig zu halten, als ob dir die Welt zu Füßen läge. Sag mir, wie soll dich dein Gott retten? Wo ist er? Kannst du ihn sehen? Ich könnte es nicht, selbst wenn ich wollte. Ich verstehe nicht, wie ein Intellektueller wie du glauben kann, dass Gott ihn retten wird. Niemand rettet uns, sei doch nicht so naiv.“
Bongiorno schüttelte missbilligend den Kopf.
„Ich konnte es nicht verstehen. Wir werden jetzt keine Zeit mit Diskussionen über meinen Glauben verschwenden. Davon bist du weit entfernt. Nun, ich werde dich etwas fragen, und da du mich sowieso töten wirst, denke ich, dass ich das Recht dazu habe. Du kannst mir antworten, wenn du willst.“
—Was wollen Sie fragen, Herr Bongiorno? Glauben Sie, Ihre Fragen werden Sie retten? Versuchen Sie gar nicht erst, mich zu psychoanalysieren, denn das wird alles nur noch schlimmer machen.
„Nicht unbedingt, aber ich möchte zumindest mehr über meinen Mörder erfahren. Hat deine Mutter deinen Vater verlassen? Er muss sie misshandelt haben. War dein Vater Alkoholiker? Weißt du was? Nachdem sie ihn verlassen hatte, hat dein Vater das wohl an dir ausgelassen, indem er dich misshandelt, geschlagen und dir das Gefühl gegeben hat, ein elender Mensch zu sein. Du hast alle Merkmale eines misshandelten Menschen. Du hast versucht, als Schriftsteller Erfolg zu haben, und bist gescheitert. Deine Ehe ist gescheitert, und als deine Frau weglaufen wollte, hast du sie getötet. Und so hast du dich auch an deiner Mutter gerächt, weil sie dich verlassen und dich zum Opfer deines Vaters gemacht hat. Jetzt verstehe ich deine frauenfeindlichen Tendenzen ganz genau.“
„Und was geht dich das an? Er ist erfolgreich, berühmt, er hat Triumphe gefeiert wie kaum ein anderer. Ihm geht es nur um seinen Ruhm, seinen Stolz, sein Prestige. Hör auf, mich zu belehren; du gewinnst nichts, wenn du mich bis ins Mark erschütterst. Wir alle haben Fehler, glaubst du etwa, du hättest keine? Sag mir, wie du es an die Spitze deiner Karriere geschafft hast? Bitte, bevor ich dich umbringe, verrate mir dein Geheimnis.“
Bongiorno blickte ihn überrascht an.
„Es ist wirklich schade, Sie sind ein intelligenter und gebildeter Mensch. Sie hätten ein brillanter Schriftsteller werden können, wenn Sie es wirklich gewollt hätten. Sie haben es nicht geschafft, weil Sie emotional gebrochen sind. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich es geschafft habe? … Es hat mich mein ganzes Leben gekostet, mit unzähligen Anstrengungen und Frustrationen. Oder glauben Sie, es war einfach? Wissen Sie, wie viele Bücher ich verbrannt habe, weil ich sie furchtbar fand? Glauben Sie, ich war nicht frustriert, als ich sie in Brand setzte? Niemand schenkt uns etwas. Alles hängt von uns selbst ab. Es geht darum, daran zu glauben, dass wir es schaffen können. Trotzdem ist es sehr schwierig, mein Herr.“
Der kleine Mann blickte ihn ungläubig an und richtete die Bersa auf sein Auge. Sein Gesichtsausdruck war trotzig. Er schrie noch wütender:
„Er sagt mir nicht die Wahrheit. Er verheimlicht mir etwas. Er mag in manchen Dingen Recht haben, aber ehrlich gesagt, fällt es mir schwer, ihm zu glauben. Es muss wohl einige kleine Geheimnisse geben, die Schriftsteller aus verdammtem Egoismus für sich behalten.“
„Natürlich, weil er seiner Frau nicht glauben konnte, hat er sie umgebracht. Er hat ihr nicht zugehört; er hat sich in seine eigenen Gedanken zurückgezogen, weil sein Narzissmus ihm die Realität verstellte. Sie sind ein schwieriger Mensch. Sie haben eine überzeugende Geschichte über den Tod Ihrer Frau erfunden, die die Polizei dummerweise geglaubt hat. Sie fühlen sich schwach, mein Herr, deshalb machen Sie so viele Fehler, für die Sie eines Tages büßen müssen. Wie man als Schriftsteller Erfolg hat? Ich weiß es nicht. Niemand hat mir geholfen. Vielleicht hatte ich Glück. Aber ich habe es bereits in der Haupthalle der Bibliothek erklärt, als ich über angehende Schriftsteller sprach, wie man darin gut wird; Erfolg ist jedoch ein Mysterium, das sich einstellt, wenn er kommen soll.“
Der kleine Mann verharrte in Gedanken versunken, als sei er in einer anderen Welt verloren, doch umklammerte er dennoch fest seine Pistole. Er blickte einige Augenblicke auf den Boden, hob dann den Blick und antwortete:
„Sie analysieren mich, Herr Bongiorno. Ich habe Ihnen gesagt, Sie sollen es lassen. Ich brauche Ihre alberne Therapie nicht, obwohl ich zugeben muss, dass Sie den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Nun, angesichts der Umstände sehe ich mich gezwungen, Ihnen alles anzuvertrauen. Sie wollen wissen, wie sich die Ereignisse zugetragen haben, was das Motiv für das Verbrechen war, falls es überhaupt eines gab, denn es ist noch immer relativ unklar. Ich werde Ihnen die Wahrheit zusammenfassen. Meine Frau litt in ihren letzten Lebensjahren unter Depressionen. Sie war in psychiatrischer Behandlung. Sie hatte zwei Selbstmordversuche mit Barbituraten unternommen. Ich rettete sie, indem ich sie zur Magenspülung ins Krankenhaus brachte. Beim zweiten Mal war sie in einem so schlechten Zustand, dass ich den Notarzt rufen musste, weil ich nicht die Kraft hatte, sie hochzuheben und ins Krankenhaus zu bringen. Niemand wusste das zu schätzen, nicht einmal ihre Schwestern. Als sie sich erholt hatte, sagte sie mir, dass sie sich von mir trennen wolle.“
—Was hast du getan? Wie war deine erste Reaktion?
„Ich habe sie angefleht, mich nicht zu verlassen, aber es war sinnlos. Wir stritten stundenlang, aber es half nichts. Ich hatte das Gefühl, ich würde verrückt werden, wenn sie mich verließ. Sie versuchte erneut, sich mit ihren Tabletten das Leben zu nehmen, aber diesmal tat ich absolut nichts. Ich war so apathisch, so hoffnungslos, dass ich alles dem Zufall überließ. Ich wartete ein paar Stunden. Ich rief den Notruf, obwohl es schon spät war; sie versuchten, sie zu retten. Aber sie konnten es nicht. Die Polizei kam, untersuchte den Fall und stellte mir viele Fragen. Ihre Vorgeschichte mit früheren Selbstmordversuchen beseitigte alle Zweifel. Trotzdem gaben mir ihre Schwestern die Schuld. Sie warfen mir vor, sie in den Selbstmord getrieben zu haben.“
Bongiorno blickte ihn mit einem tröstenden Ausdruck an.
„Was passiert ist, ist sehr bedauerlich. Ich möchte Sie nicht verurteilen, aber sagen wir einfach, Sie wurden Zeuge eines Suizids. Verständlicherweise waren Sie emotional völlig aufgelöst. Sie hätten den Notruf wählen können, aber aufgrund Ihres Zustands, Ihrer lähmenden Hoffnungslosigkeit, waren Sie dazu nicht in der Lage. Ich rechtfertige Ihr Verhalten nicht, aber ich kann es als Mensch nachvollziehen. Ich möchte Sie jedoch daran erinnern, dass Menschen niemandes Eigentum sind. Verlassenwerden kann uns den Lebenswillen rauben. Das verstehe ich, aber Ihre Reaktion war falsch. Obwohl sie die Entscheidung getroffen hat, haben Sie nichts unternommen, um sie zu retten.“
Der kleine Mann blickte ihn empört an und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Er sagte, er wolle mich nicht verurteilen, aber er tut genau das Gegenteil. Jetzt, wo ich ihm alles gestanden habe, glaubt er wohl, ich lasse ihn nicht am Leben, oder? Nein, nein, es wäre töricht, dir zu vertrauen. Wenn ich dich gehen lasse, gehst du direkt zur Polizei und erzählst ihnen, was passiert ist. Es war unglaublich dumm von ihm, in mein Auto zu steigen, angesichts seines scharfen Verstandes und seiner miserablen Wahrnehmung; ehrlich gesagt, es erstaunt mich. Seine Neugierde, wie meine Frau gestorben ist, wird ihm zum Verhängnis werden.“
Bongiorno zuckte mit den Achseln.
„Dass er mich umbringen wird, daran besteht kein Zweifel. Das sagt er schon seit einer Weile. Nun ja, manchmal gibt die Vernunft dem begründeten Zweifel Gewicht. Es ist nur so, dass Dummheit und Verrat näher beieinander liegen, als wir denken. Soll ich Ihnen etwa dazu gratulieren, dass Sie Ihre Frau sterben ließen? Die Antwort ist nein. Ich bin ein törichter Siebzigjähriger, da haben Sie recht, und Sie sind ein Mörder. Sie waren bei der Buchvorstellung sehr aggressiv. Da haben Sie Ihr wahres Gesicht gezeigt. Als ich nach draußen ging, um ein Taxi zu nehmen – ich denke, ich brauche Ihnen nichts über das Wetter zu erzählen –, jedenfalls, als ich Sie in Ihrem Auto sitzen sah, wusste ich, dass Sie etwas im Schilde führten, und Sie haben die Situation ausgenutzt, um mich zu überreden, obwohl ich mir nie hätte vorstellen können, dass es so enden würde. Jedenfalls weiß ich nicht genau, warum Sie mich umbringen wollen.“
Der kleine Mann starrte auf einen imaginären Punkt. Dann runzelte er die Stirn und antwortete:
Die Welt wird durch Zeichen repräsentiert. Damit will ich den Menschen und seine Ziele keineswegs verachten. Seine lang ersehnte existenzielle Suche nach dem Sinn seines bewussten Wartens auf den Tod ist alles andere als ermutigend, ganz gleich, wie sehr ihn religiöse Überzeugungen und sein Glaube prägen.
—Was genau meinen Sie mit „Zeichen“?
„Sie haben Ihren letzten Roman in Gedanken an mich geschrieben, Sie haben sich willkürlich von meinem Unglück, meinen Frustrationen, dem Tod meiner Frau inspirieren lassen. Sie sind sehr scharfsinnig, Herr Bongiorno, aber mir entgeht nichts. Ihre Werke sind voller Symbolik. Ich habe sie alle gelesen und gebe zu, dass Sie ein sehr guter Schriftsteller sind. Sie sind teils selbstbezüglich, teils übertragen Sie Ihre eigene Dunkelheit, sodass jeder naive Mensch, der in Ihre Fänge gerät, Ihre Beute wird, und Sie erschaffen eine interessante Geschichte. Aber in diesem Fall war es leider meine Zeit.“
Bongiorno war wie vom Blitz getroffen, als hätte man ihm einen Eimer kaltes Wasser übergeschüttet. Angesichts dieser absurden Hypothese wusste er nicht, was er sagen sollte. Er sah ihn erstaunt und mit einer gewissen Resignation an; vielleicht hielt der kleine Mann den Blick gesenkt und wartete auf eine Antwort. Nach einigen Augenblicken quälender Ungewissheit fragte ihn der Schriftsteller:
—Meinen Sie das ernst? Ich verstehe überhaupt nichts. Was Sie vorschlagen, ist absurd.
„Natürlich meine ich das ernst. Erinnern Sie sich nicht, als Sie sagten, wir seien alle mit allem verbunden, mit einem Ganzen? Das sind Ihre Worte; tatsächlich haben Sie sie erst vor wenigen Stunden in der Bibliothek gesagt, als Sie Ihr Buch vorstellten. Entweder lässt Sie Ihr Gedächtnis im Stich, oder Sie sind verrückt, mein Herr. Die Menschen, an denen wir täglich vorbeigehen, Menschen, die wir nicht kennen, aber wenn wir ihnen in die Augen schauen, sagt uns eine innere Stimme, dass wir mit ihnen in anderen Dimensionen, in fernen Existenzen zusammen waren. Auch wenn es aus meiner Sicht abwegig erscheint, halte ich es für subjektiv, dass es tatsächlich so ist, weil wir verbunden sind und unser Verstand sich weigert, dies zu begreifen, aus Angst, den Verstand zu verlieren. Was wollen Sie mir jetzt sagen?“
„Ich sprach vom Unbewussten und den Archetypen. Es stimmt – ich wage es zu behaupten, auch wenn es verrückt klingt –, dass wir alle durch die Schwingungen unserer Vorfahren verbunden sind. Nun, dass ich Elemente aus Ihrem Leben für einen Roman verwendet hätte, ist absurd. Es ist eine Beleidigung meiner Intelligenz. Es würde meine Kreativität, meine Anstrengungen, meine Leidenschaften diskreditieren. Falls Sie sich mit einem meiner Romane identifiziert haben, tut es mir unendlich leid. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn Sie das wirklich glauben. Ich bin sehr müde und möchte gehen. Lassen Sie mich gehen, oder erschießen Sie mich, wenn Sie es für angemessen halten. Ich erinnere Sie daran: Selbst wenn ich keine Schuldgefühle habe, verzeiht das Unbewusste nicht. Geben Sie mir mein Handy zurück.“ – Und er stand auf und ging.
Der kleine Mann funkelte ihn wütend an und schrie:
„Ich habe dich bereits gewarnt, dass du nichts tun kannst, was ich nicht will. Setz dich hin, sonst wirst du es bereuen. Glaubst du, ich könnte dich nicht erschießen? Na, willst du mich etwa herausfordern?“
„Ich kann dir alles glauben. Aber nur ein Feigling wie du würde jemandem in den Rücken schießen. Du hast mich echt wütend gemacht, oder? Ich werde es nicht der Polizei sagen, falls du deswegen Angst hast. Wäre mir sowieso egal. Deine Frau kommt nicht zurück. Du bist völlig verrückt geworden. Du solltest dir Hilfe suchen. Du solltest lernen zuzuhören und aufhören, dich in deinen wirren Fantasien zu verlieren. Ich habe es satt, mich mit Manipulatoren herumzuschlagen. Meine erste Frau war auch so eine, und ich habe sie verlassen. Wenn es etwas gibt, das ich im Leben liebe, dann ist es Freiheit. Ich will keine Sekunde länger unter deiner Kontrolle sein. Versuche, ein guter Mensch zu sein; das ist das Wichtigste. Glaube an dich, schreib weiter, gib dein Bestes, vielleicht schaffst du es ja. Oder, na ja, mach, worauf du Lust hast. Auf Wiedersehen, mein Herr.“
Bongiorno öffnete die Tür und ging hinaus, obwohl der kleine Mann ihn hätte töten können; tatsächlich hielt er ihm immer noch die Pistole entgegen. Es nieselte leicht. Es war schon spät, und die Straße, die sich in eine Schlammgrube verwandelt hatte, machte ihm das schnelle Gehen schwer. Nach etwa fünfzig Metern hörte er einen Schuss. Er blieb stehen, drehte sich um und tastete sich ab, um zu prüfen, ob ihn die Kugel getroffen hatte. Da begriff er, dass der kleine Mann Selbstmord begangen hatte. Er bedauerte es, dachte daran, den Notruf zu wählen, entschied aber, dass es zu spät war, ihn zu retten. Während er weiterging, tropfte ihm der Regen ins Gesicht, und er fühlte sich wie ein freier Mann.
FIN

IN GEDENKEN AN SOFIA PEARSO

Die vergilbten, friedlich abgestorbenen Blätter zeigten, dass der Herbst nicht nur eine gespenstische Wahrnehmung war, die vor meinen Augen stand. Der Wind wehte sanft, als wolle er melancholisch andeuten, dass der Sommer bald zu Ende gehe und dem natürlichen Übergang der Natur Platz mache. Unter den Studenten tauchte unerwartet eine Frau in meinem Leben auf. Jemand – das werde ich natürlich nie vergessen – hat eine unauslöschliche Spur hinterlassen. So sehr, dass ich in den Nächten meiner qualvollsten und qualvollsten Einsamkeit ein Todesgefühl verspüre, das in meinem Bauch beginnt und dann mein Herz vollständig beherrscht. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, aber ihr Blick hatte etwas sehr Bedeutsames an sich: Er war in sich gekehrt, intelligent, faszinierend, irgendwie vertraut; oder vielleicht auch so, als ob ich sie aus längst vergangenen Zeiten gekannt hätte. Sie hatte wuscheliges, kupferrotes Haar, ein kantiges Gesicht, intensiv blaue Augen und sehr weiße Haut, die mit Sommersprossen bedeckt war, die sich an den Seiten ihrer Nase ansammelten. Ihr eher schlanker Körperbau und eine gewisse Ungestümtheit in ihren Armbewegungen ließen sie manchmal etwas ungeschickt wirken, da dies im Allgemeinen im Gegensatz zu der intellektuellen und aristokratischen Ausstrahlung stand, die von ihr ausging. Ich hatte sie schon ein paar Mal in der Mensa des Colleges gesehen. Ich möchte mich einfach an sie erinnern, denn schon beim bloßen Anblick ihrer Anwesenheit war ich fast verzaubert. Sie besaß eine fast engelsgleiche Sinnlichkeit und etwas seltsam Anziehendes, wenn man sie beim Durchgehen ihrer Notizen beobachtete. Als ob sie sich von der Welt zurückgezogen und sich ganz dem Lesen gewidmet hätte. So sehr, dass sie manchmal wie eine Wachspuppe wirkte, gefangen in – wer weiß – welchen wunderbaren Universen ihre Gedanken bereisten. Sie war so wunderschön, dass allein ihr Anblick mein Herz heftig rasen ließ. Ich versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen, mit unaufhaltsam idiotischen Gesten, wie zum Beispiel plötzlich meine Notizbücher zu greifen, so zu tun, als hätte ich es eilig, und, nachdem ich mein Getränk bezahlt hatte, über den Universitätscampus zu rennen. Manchmal saß ich in der Nähe, mit dem Rücken zu ihm, und sah seine Silhouette in dem großen Fenster gespiegelt, das auf einen der Pavillons hinausging. Doch sie blieb jeder Kontaktaufnahme gegenüber abgeneigt, obwohl es offensichtlich war, dass sie meine Absichten kannte. Meine Schüchternheit hat einer erfolgreichen Kontaktaufnahme ebenfalls nicht geholfen. Natürlich war sie kein ungeselliges Mädchen, denn mit ihrer Freundesgruppe oder ihrer Lerngruppe lachte sie ausgelassen, ein Zustand, der mich bis zur Verärgerung ärgerte. Gelegentlich wartete ich im Philosophiegebäude am Kopierer auf sie, da wir im ersten Studienjahr zusammen waren und es keinen Grund gab, als Idiot abgestempelt zu werden, da der Ort Teil unserer Routine war und es allgemein bekannt war, dass wir ihre Dienste benötigten. Viele andere trafen sich in der Bibliothek, wir aber am häufigsten in der Cafeteria. Als ich einmal all meinen Mut zusammennahm, um sie um ein paar Geldscheine zu bitten, und zu ihr hinüberging, war irgendein Idiot schneller und hatte sich an ihren Tisch gesetzt. Ich hörte ein ohrenbetäubendes Gelächter von einigen Sonderlingen, die sich über mein Unglück freuten, und beschämt eilte ich wegen der übermäßigen Aufregung, die das Geschehene verursacht hatte, nach draußen. Sie kam hinter mir heraus, packte mich fest an den Schultern, und als ich mich wieder gefasst hatte, beugte sie sich mit ihrem Mund ganz nah an meine Lippen. Es war der leidenschaftlichste und erfüllendste Kuss, den ich je in meinem Leben erlebt habe. Dann sah er mir direkt in die Augen und ging zurück zur Kantine. Ich war fassungslos, als ich sah, wie sie nach dem, was gerade passiert war, einfach wegging. Ich fühlte mich wie der glücklichste Mensch auf Erden. In jener Nacht konnte ich nicht schlafen, weil sich ein tiefes Glück über mein Leben gelegt hatte. Ich konnte es nicht glauben, dass es wahr war. Ich ging zum Rauchen in den Garten, da meine Eltern sich an gewissen Gewohnheiten störten, und wiederholte mir immer wieder, dass es nicht wahr sei, dass es vielleicht eine Halluzination gewesen sei, die zu schön für mich war, für dieses schüchterne Wesen, das für Frauen unattraktiv war. Am nächsten Tag ging ich zur Fakultät. Ich war so glücklich, so voller Vorfreude, dass ich ihr sofort entgegeneilte. Ich habe in der Kantine nachgesehen, er war nicht da. Ich habe innerhalb des Fakultätsgebäudes nach ihr gesucht, konnte sie aber auch dort nicht finden. Ich fragte einige gemeinsame Klassenkameraden, ob sie sie gesehen hätten, worauf die Antwort lautete: „Ich weiß nichts.“ Ich kehrte etwas besorgt in die Cafeteria zurück, setzte mich hin und wartete eine Weile auf sie, bis ich in den Unterricht musste. Als der Professor seine Arbeitsstunde beendet hatte, schlenderte ich durch die verschiedenen Pavillons, bis ich beschloss, mit der Sekretärin des Fachbereichs zu sprechen. Er sagte mir, er sei nicht im Unterricht gewesen und ich solle nicht weiter nachfragen, er würde mir die Adresse nicht geben. Obwohl es möglich war, dass sie krank war oder ein familiäres Problem durchmachte, kroch mir die Angst in den Magen, als ob eine innere Stimme ein böses Omen ankündigen würde. Traurig ging ich zur Bushaltestelle. Dort traf ich einige Jungen, die auch Sofias Klassenkameraden waren, und ich verspürte eine fast schon absurde Hoffnung, als ich ihn nach ihr fragte. Niemand hatte sie gesehen. Ich kam völlig antriebslos nach Hause, und als meine Mutter das Essen servierte, sagte ich ihr, dass ich keinen Appetit hätte. Ich verspürte ein tiefes Grauen bei dem Gedanken, dass dieses Mädchen mich nicht sehen wollte. Am nächsten Tag ging ich zur Fakultät und steuerte direkt auf die Cafeteria zu. Die Angestellte blickte mich bestürzt an, klopfte mir auf den Rücken und verkündete ohne zu zögern, dass das nette kleine englische Mädchen, wie sie sie gewöhnlich nannten, Selbstmord begangen hatte. Ich blickte ihn entsetzt an angesichts dieser Nachricht, aber während er mit dem Geschirrtuch in der Hand ein Glas abwischte, sagte er mir, es sei die reine Wahrheit, ein Professor habe es einem anderen beim Kaffeetrinken erzählt, und er habe es mitgehört, weil das Dekanat nicht wollte, dass die Neuigkeit an die Öffentlichkeit gelangte. Dann ließ er abrupt das Geschirrtuch fallen und sagte mit erhobener Stimme zu mir, ich solle nicht mehr nach ihr suchen, die Realität verstehen, akzeptieren, dass die einzig plausible Wahrheit der Tod ist, dass wir alle an denselben Ort gehen, wenn die Zeit gekommen ist. Ich verspürte einen starken Drang, ihn zu schlagen, konnte aber meine wütenden Instinkte unterdrücken. Mit einem verzweifelten Gesichtsausdruck dachte ich: Wenn ihre Zeit, wie der Barkeeper sagte, noch nicht gekommen war, so hatte Sofia sich doch mit dieser Entscheidung, sich das Leben zu nehmen, ihrem Schicksal widersetzt. Ich streichelte meine Lippen, als könnte ich mich noch genau an Sofias Kuss erinnern, und ich konnte meine zitternden Finger einige Augenblicke lang nicht von ihnen lösen. Blass und mit stoßweisem Atem aufgrund unerträglicher Herzrasen ging ich sehr langsam hinaus. Ich war damals ein junger Student, fühlte mich aber wie ein armer, ausgelaugter, gebrechlicher alter Mann. Ich verstehe immer noch nicht, wie ich es geschafft habe, auf den Beinen zu bleiben. In der Ferne hörte ich den Gesang eines Vogels, als ob er eine Offenbarung oder vielleicht einen Abschied ankündigen wollte. Ich interpretierte es so aus einer symbolischen Perspektive, obwohl mich tief im Inneren ein esoterisches Gefühl durchfuhr. Am nächsten Tag ging die Sonne für alle gleichermaßen auf. Als ob sich niemand groß um meine Traurigkeit scheren würde. Dann schloss ich daraus, dass das Leben eine Reihe unvollendeter Ereignisse ist, faszinierende Momente, Sekundenbruchteile, die uns auf den Gipfel eines Berges bringen können, nur um dann mitanzusehen, wie unerwartet alles mit der schwindelerregenden Geschwindigkeit eines Blitzes zusammenbricht und alles zerstört. Es gibt keine Sicherheit. Wir leben in einer mehr oder weniger kohärenten Welt mit Zeitplänen, Verpflichtungen und Zielen, die uns am Leben erhalten, uns aber gleichzeitig auch unvorhergesehenen Gefahren aussetzen. Es ist sehr schwierig zu definieren, was Leben ist, obwohl ich fast immer zu diesem Schluss komme. Zwanzig Jahre sind seit diesem schrecklichen Ereignis vergangen. Ich bin Lehrbeauftragter im Fachbereich Philosophie. Wenn ich mit dem Unterrichten fertig bin und mich auf den Parkplatz begebe, denke ich an Sofia Pearson, und nicht immer, aber manchmal meine ich, sie auf einer dieser Universitätsbänke sitzend zu sehen, wo sie ihre Notizen durchging.
FIN

VERMUTLICH VERGESSEN

Eduardo Cantarell erwachte früh an diesem Morgen. Als er die Augen öffnete, sah er, dass das schwache Licht, das durch die Lamellen der Jalousien fiel und unaufhörlich von der Wand reflektiert wurde, so dünn war, dass es fast verschwand und seine Welt sich in eine düstere Finsternis zu verdichten drohte. Er war sich der Uhrzeit nicht sicher, da er seit seiner Pensionierung als Mathematiker keinen Wecker mehr benutzte. Sein Leben war damals von Formeln und Algorithmen bestimmt gewesen, die sein brillanter Verstand mit gesundem Menschenverstand entschlüsselt hatte. Dennoch schloss er, dass er sich in seiner Wohnung in der Charcas-Straße in einem bekannten Viertel von Buenos Aires befand; doch nun, angesichts der Ungenauigkeiten seiner Erinnerung und der bruchstückhaften Gedanken, konnte er sich nicht mehr sicher sein. Aber natürlich, sagte er sich, gab die Sonne keine verlässlichen Zeichen, also schloss er, dass es noch bewölkt war und er zumindest nicht den Kontakt zum Universum verloren hatte. Er schnalzte mit den halb schlafenden Lippen und spürte leise, dass sein Atem unangenehm war. Er suchte nach seiner Frau und fuhr mit der Hand über die Bettdecke, doch traurig musste er feststellen, dass sie nicht da war. Nach einem Seufzer dämmerte es ihm, dass sie vor einigen Jahren gestorben war. Er konnte sich nicht mehr an den genauen Tag ihres Todes erinnern, denn mit neunundachtzig Jahren war es unvermeidlich, dass er seine Klarheit und mitunter auch seinen Verstand verlor. Das Alter bringt sein Elend mit sich, dachte er, und obendrein umhüllt es uns mit dem Duft des Todes. Ungeschickt streckte er den anderen Arm über die flache Oberfläche des Nachttisches und stieß beim Greifen nach der Pillendose die Schale mit seiner Zahnprothese um. Frustriert fluchte er weiter, unterbrochen von Hustenanfällen und teuflischer Wut. Dann schüttelte er den Kopf und erkannte, dass er seine Blutdrucktablette nehmen und sich nicht so über einen dummen und unbedeutenden Unfall aufregen sollte, der fast täglich passierte.
Seine Tochter Carmen rief ihn nicht nur stündlich an, sondern sah auch täglich nach ihm. Sie verwöhnte ihn, bereitete den Tee zu, den sie gemeinsam tranken, und erinnerte ihn gewissenhaft an die vom Kardiologen verschriebenen Medikamente. Sie bestand darauf, dass sie eine Pflegekraft einstellen sollten, doch der Starrsinn ihres Vaters war unübersehbar. Er ignorierte sie oder argumentierte, solange er sich selbst versorgen könne, brauche er keine Hilfe. Seine Tochter zuckte dann mit den Achseln, bereitete seine Medikamentenbox vor, packte die Wäschesäcke für die Wäscherei und unterhielt sich mit ihm, bis er einschlief. Anschließend goss sie den Rosenstrauch, den Jasmin und die Pflanzen auf dem Balkon und betrachtete aufmerksam die Möbel: das überquellende Bücherregal, die französischen Kronleuchter, die ihre Eltern vor Jahrzehnten gekauft hatten, und die Marmorkommode, die schräg über den abgeschrägten Glaspaneelen in der Wohnzimmerwand stand.
Zwischen den beiden Wänden des Esszimmers einander gegenüber, hoben drei Gemälde von Soldi die drei dunkelbraunen antiken Uhren hervor, die auf dem Bayud ruhten, als wären sie durch das Genie des Künstlers zum Leben erwacht. Nahe dem Fenster, genauer gesagt etwa fünfzehn Zentimeter vom Türsturz entfernt, hing ein Porträt der schönen und vornehmen Delfina, die auf einer Gartenbank saß, das Kinn auf die Hand gestützt, den Blick in Gedanken versunken, vielleicht in einen imaginären Punkt – und den Charme jener Zeit verströmte.
Carmen Cantarell schaute mit Freude und einem Anflug von Nostalgie zu, als ob ihr ganzes Leben in einem Schwarzweißfilm an ihr vorbeizöge; und am Ende wurden Gefühle geweckt, unvergessliche Momente, wunderschöne Erinnerungen, die in ihrem Herzen bewahrt werden würden.
Das gesamte Haus war mit der peinlichen Ordnung erhalten, die ihre Mutter vor ihrem Tod etabliert hatte; als wäre sie auf geisterhafte Weise anwesend, gäbe Anweisungen für den Haushalt oder ließ ihre Erinnerung in jedem Winkel des Hauses weiterleben. Ihre Tochter hatte die Schlüssel zur Wohnung und hatte die Reinigung der Frau des Portiers anvertraut, zusammen mit einigen Anweisungen, wie sie nach dem alten Mann sehen sollte. Dennoch fand sie keine Ruhe, denn sobald sie in ihr Auto stieg, um wegzufahren, überkam sie der Gedanke, dass ihr Vater auf der Straße von einem Auto erfasst werden könnte; dann brach sie in untröstliche Tränen aus, als ob die Schuldgefühle anhielten und mit jedem Tag, der dem gefürchteten Abschied bevorstand, immer stärker würden.
Jeden Moment würde Carmen kommen, um ihn auf einen Ausflug mitzunehmen; ein Ereignis, das sein Vater vergessen hatte und von dem er keine Ahnung hatte, dass er an diesem Tag und in den folgenden Tagen nicht zu Hause sein würde.
Vor einigen Wochen hatte Herr Cantarell, von tiefer Melancholie erfüllt, seine Tochter gebeten, ihn nach Montevideo zu begleiten, um die Erinnerungen der letzten fünf Jahre wieder aufleben zu lassen, als ob der unerbittliche Lauf der Zeit sie nicht hätte mildern können. Langsam richtete er sich auf und suchte mit den Füßen nach den Pantoffeln auf dem Teppich, bis er sie anziehen konnte. Er fasste sich ein wenig optimistisch, denn sein Leben war, wenn er vernünftig dachte, keine schlechte Erfahrung gewesen.
Er hatte Delfina bei einem seiner Vorträge in Montevideo kennengelernt. Sie war so beeindruckt von seiner unerbittlich wirkungsvollen Vortragsweise, dass sie ihn am Ende der Konferenz um ein Interview bat. Angesichts seines wissenschaftlichen Ansehens und der Umstände, in denen er sich befand, legte er sein akademisches Auftreten nicht so schnell ab, wie sie es vielleicht erwartet hätte. Doch die Anziehungskraft war so stark, dass Eduardo Cantarell, als sich der Universitätspavillon allmählich leerte, nach und nach seine Menschlichkeit offenbarte, indem er dieser jungen Frau mit den großen braunen Augen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Sie sollte ihn, trotz seines stur rationalen und nach außen hin kühl wirkenden Wesens, schließlich bis zum Wahnsinn fesseln.
Obwohl ihre Treffen zunächst beruflicher Natur waren, dauerte es nicht lange, bis beide ihre Gefühle offenbarten. Cantarell reiste regelmäßig nach Montevideo, sei es wegen seiner Vorträge, um die Freundschaften mit Kollegen zu pflegen oder einfach, um etwas zu tun, das ohnehin schon offensichtlich war: Delfina zu sehen. Sie wiederum begann, ihn in Buenos Aires zu besuchen, und er, der sich anfangs nur zögerlich auf eine feste Beziehung eingelassen hatte, machte immer deutlichere Anzeichen dafür, dass er mit dieser schönen Uruguayerin zusammen sein wollte. In stillen Momenten überlegte sie, Uruguay zu verlassen, sich dauerhaft in Argentinien niederzulassen und ihm zu folgen, wohin auch immer das Schicksal sie führen würde.
In einer sternenklaren Nacht, als sie Hand in Hand spazierten, wagte Delfina, ihn zu fragen:
—Eduardo, ich bin sehr daran interessiert, etwas über den Beruf zu erfahren, den du gewählt hast.
Cantarell zuckte mit den Achseln. Er sagte:
—Ich habe kein Problem damit, alles zu beantworten, was mir in den Sinn kommt.
—Nun ja, ich finde das überhaupt nicht unverschämt. Außerdem besteht da, so denke ich, ein gewisses Maß an Vertrauen. Was hat Ihr Interesse an Mathematik geweckt? Gab es familiäre Einflüsse oder haben Sie Ihren Berufsweg einfach durch eine wahre Berufung entdeckt?
Er sah sie lächelnd an und schloss dann die Augen. Dann blickte er in die Weite des Himmels und antwortete:
Nein, ich wusste schon in der High School, dass das meine Berufung ist. Meine Eltern ließen mir völlig freie Hand. Ich war fest entschlossen, die Welt rational zu verstehen. Ich glaube, ich suchte im Grunde auch nach absoluten Wahrheiten. Das klingt vielleicht verrückt. Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass mich die Frage nach dem wahren Sinn des Lebens sehr fasziniert. Ich habe mich ja schon philosophisch weitergebildet. Ich kann mich sehr gut konzentrieren, wenn mir jemand eine Frage stellt. Trotzdem schweife ich oft ab. Manchmal bringt mich das natürlich in Schwierigkeiten.
—Ich verstehe, Sie sind ein Denker auf der Suche nach existenziellen Fragen, aber ich möchte natürlich mehr erfahren. Leidenschaften sind die treibende Kraft hinter unseren Zielen, wenn ich mich nicht irre.
Und natürlich, Delfina, wie könnte es keine Leidenschaft sein? Man denke nur, der Ursprung des Universums lässt sich mathematisch beweisen, indem man die Zeit berechnet und die Lichtgeschwindigkeit misst. In der Quantenphysik sind infinitesimale Messungen möglich. Mathematik steckt in fast allem: Musik, Klängen, einfach allem. Wir könnten ewig über die reinen Naturwissenschaften sprechen. Doch die philosophischen Probleme der Menschheit und ihre unzähligen Ungewissheiten können wir damit nicht lösen.
Sie sah ihn mit deutlich sichtbaren Erwartungen an. Sie sagte zu ihm.
—Das ist Intelligenz auf höchstem Niveau. Lässt sich alles durch Mathematik verstehen? Oder stelle ich eine verrückte Frage?
Er blickte sie mit einem leichten Lächeln an und schüttelte den Kopf.
Ich weiß nicht, ob es ganz so ist. Aber es könnte sein. Ich möchte glauben, dass es noch andere Faktoren gibt. Die emotionale Komponente ist sehr wichtig. Und sie hängt mit allem zusammen. Ich denke, Intelligenz ist unter anderem die wunderbare Fähigkeit, sich trotz der Widrigkeiten des Alltags an die Gegebenheiten anzupassen – eine Fähigkeit, die wir mutig entwickeln, indem wir uns diesem kühnen Unbekannten namens Existenz stellen.
Delfina runzelte die Stirn und fuhr sie an:
—Warum rücksichtslos?
Alles hat einen Anfang und ein Ende. Irgendwann werden wir nicht mehr leben. Der Gedanke, dass geliebte Menschen vor uns gehen müssen, beunruhigt uns. Selbst wenn wir an die Existenz Gottes festhalten, an den Aufstieg in eine spirituelle Ebene, selbst wenn wir versuchen, dies zu verdrängen, quält uns die Vorstellung des unausweichlichen Todes.
—Nun ja, dieses Leben muss einen Sinn haben, das möchte ich glauben. Wenn wir das tun, was wir tun, und für eine Zukunft kämpfen, dann ist die Existenz meiner Meinung nach sehr bedeutungsvoll – für mich und für viele andere.
Cantarell blieb stehen, blickte sie verwirrt an, hielt sie an den Schultern fest und sagte:
—Manchmal, wenn ich dich ansehe, sehe ich so viel Licht in deinen Augen, dass ich zu dem Schluss komme, dass alles andere untergehen könnte und ich trotzdem ewig von diesem besonderen Glanz fasziniert bleiben könnte, der selbst die bedeutendsten Aspekte meiner Seele verführt.
Eine Träne entwich ihrem Auge, dann küsste er sie leidenschaftlich.
Das Herz eines Mannes, so hatte Cantarell in seiner Jugend gedacht, birgt viele unergründliche Gänge, die ein ganzes Leben nicht entwirren und wirklich verstehen ließen. Deshalb denke ich manchmal, folgerte Cantarell, dass die Vernunft so viele gegensätzliche Argumente bereithält, dass ich, um mein Urteil in Balance zu bringen, mich in meine eigene Subjektivität zurückziehen, mein Ego ignorieren, Stereotypen ablehnen, mich kopfüber in das stürzen muss, was ich für gut und böse halte, und dann mit einigem Geschick mein Gewissen wiedererlangen muss. Zu erkennen, dass ich lediglich das Ergebnis einer Reihe von Ereignissen bin, erstarrt in einer wechselnden Abfolge von Fata Morganen. Er fühlte sich wie ein ziemlicher Narr, weil er dachte, er könnte sich verlieben; dennoch verspürte er ein wunderbares Gefühl in seinem Herzen, als ob er die Ahnung hätte, dass etwas sehr Wichtiges geschah.
Als Delfina nach Uruguay zurückkehrte und er sie in den darauffolgenden Tagen unerträglich vermisste, suchte er sie in den Ecken mancher Restaurants, die sie oft besucht hatten. Er stand im Eingang des Theaters, das sie so liebte, und betrachtete jedes Frauengesicht, das ihr ähnelte. Manchmal parkte er, eher aus Euphorie als aus Vernunft, sein Auto am Ufer gegenüber dem Aeroparque und starrte hinaus auf das östliche Land, voller Sehnsucht, sie wiederzusehen. Denn obwohl er es sich nur schwer eingestehen konnte, wusste er, dass er sie mit der ganzen Kraft seiner Seele lieben würde. Manchmal schloss er die Augen, erinnerte sich an ihr Lächeln und spürte das sanfte Rauschen der kalten Wellen des Río de la Plata an seinem Gesicht, als wollten sie sie an sich ziehen. Er tat dies mit solcher Inbrunst, dass selbst die Sterne freudig zu funkeln schienen und wie Kometen hoch am Himmel leuchteten; dann wurden die Nächte zu einem ewigen Zauber. Er glaubte, den Duft von Delfinas Parfüm in Verbindung mit ihrer Haut riechen zu können. Er schrieb Liebesgedichte in ein kleines Notizbuch, das er im Handschuhfach seines Autos aufbewahrte. Er sagte sich: „Ich muss meine wissenschaftlichen Obsessionen für eine Weile beiseite lassen und ein für alle Mal begreifen, dass mein Glück auch darin liegt, mit ihr zusammen zu sein.“
Cantarell erinnerte sich, dass sein Vater, ein guter, ehrlicher und fleißiger Mann, ein Eisenbahnangestellter, ihm gesagt hatte, man solle nach seinen Zielen streben und so weit wie möglich kommen, aber niemals die Demut verlieren, denn diese Tugend mache uns wahrhaftig groß. Ein weiterer Grundsatz, den sein Vater immer wiederholte und ihm eindringlich vermittelte, lautete, dass egoistische Menschen nicht die Menschheit, sondern ihr eigenes Ego bezwingen. Wie also konnte er gegen seinen Narzissmus ankämpfen, gegen seine unermüdliche Hingabe als mathematischer Forscher, die ihn in angesehene Kreise erhoben hatte? Obwohl er wie jeder andere Junge aus Almagro auf der Straße Ball spielte und die anthropologischen, ethnischen, rassischen und kulturellen Merkmale aufwies, die mit dem Aufwachsen in einem Arbeiterviertel einhergehen, war Eduardo Cantarell der Inbegriff des Intellektuellen von Buenos Aires, der seine bescheidenen Wurzeln nicht verleugnete, seine Mutter arbeitete mit ihrem charakteristischen Lächeln; Es störte ihn nicht, wie unglaublich schwer es war, die alte Frau draußen in der Eiseskälte Wäsche waschen zu sehen, während der Wasserkocher für ihren Morgenkaffee kochte. Auch der Tango, der damals ständig gespielt wurde, störte ihn nicht. Doch mit der Zeit wandelte er sich, wie er es sich als Teenager erträumt hatte, zu einem weltgewandten Mann, einer berühmten Persönlichkeit in den exakten Wissenschaften, einem international gefragten Dozenten. Er beherrschte das britische Englisch nahezu perfekt und hatte zudem Rhetorikkurse besucht, um seine akademische Präsenz zu stärken.
Die Begeisterung seiner Kindheit kehrte in kurzen Augenblicken oder flüchtigen Erinnerungen in sein Bewusstsein zurück; mal realitätsnäher, mal fantastischer. Vielleicht, so schlussfolgerte Canatrell, lag es an dem Wunsch, diese Erlebnisse zu einer Art vollkommener Vergöttlichung zu erheben.
Von Zeit zu Zeit besuchte er das Viertel, schlenderte durch die Straßen und verweilte auf den Plätzen. Lange blieb er vor dem Eingang der Schule stehen, an der er seine Grund- und Sekundarschulbildung absolviert hatte. Während er ging, fiel ihm die Anzahl der neu errichteten Gebäude auf, und er schloss daraus, wie viele alte Häuser abgerissen worden waren. Es war schmerzhaft und vielleicht sogar beschämend, dachte er, aber man müsse verstehen, dass der Fortschritt unaufhaltsam sei, schließlich sollten auch andere Menschen die Möglichkeit haben, dort zu leben. Dennoch konnte man in Almagro noch immer den Geist von Buenos Aires spüren, und das tröstete ihn. Bei seinem letzten Besuch in seinem geliebten Viertel wollte er widerwillig das Haus betreten, das einst seinen Eltern gehört hatte, in dem er geboren und aufgewachsen war und das ihm trotz seiner jahrzehntelangen Abwesenheit immer noch ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit vermittelte.
Er kam in der Rocamora-Straße an und schlug sich, da er sein Haus nicht fand, an die Stirn. Fassungslos traute er seinen Augen nicht: Kräne, Bagger, Muldenkipper, Arbeiter, die das Gelände für den Brunnen vorbereiteten und die Fundamente für das legten, was später ein Wohnhaus werden sollte. Er bat um Einlass.
Der Bauleiter wollte gerade auf ihn zugehen. Er beobachtete ihn aufmerksam und mitfühlend, hielt sich aber klugerweise zurück, denn er respektierte den nostalgischen Zustand des älteren Herrn, der von unermesslichen Erinnerungen und – wer weiß, welchen Gedanken ihn sonst noch quälten – von Erinnerungen überwältigt war, wie der Bauleiter vermutete. Er befahl den Arbeitern, die Kräne anzuhalten und eine Pause einzulegen. Er hatte Recht, denn Mr. Cantarell blickte mit tränengefüllten Augen auf das, was sein zukünftiges Haus werden sollte, mit seinen aneinandergereihten Schlafzimmern und der parallel verlaufenden Galerie, die die Architektur jener Zeit widerspiegelte. Er erhaschte einen Blick auf die noch intakte Wäschewanne im Freien. Er sah die Mosaike, die vom ständigen Vorbeifahren der Kräne fast zerdrückt worden waren. „Wie wenig Respekt vor meinem Herzen“, dachte Mr. Cantarell mit einem Anflug von Empörung. Er stellte sich vor, wie er in dem ehemaligen Garten Ball spielte. Er erinnerte sich an die Weihnachtsfeste mit seiner Familie, seine Erstkommunion, wie sein Vater mit seinem Werkzeugkasten das Haus reparierte und an die wohlwollende Atmosphäre im Herzen seines ehemaligen Zuhauses. Er blickte zu den Weinreben in der Ferne hinauf, als hätte er eine tiefgründige, metahistorische Vision seiner Vorfahren. Dann drehte er sich um, verabschiedete sich von dem Ingenieur und den Arbeitern und ging, ohne einen Augenblick zu zögern, denn er hatte sich beim Hinausgehen geschworen, nie wieder zurückzukehren. Und er hielt Wort.
Eduardo Cantarell erinnerte sich an seine Jugend und die Begegnung mit Delfina, die ihm die Liebe geschenkt hatte. Er malte sich eine Zukunft in der Ehe aus, ein Leben, das er sich nie hätte vorstellen können: weg von seiner egoistischen Einsamkeit, hin zu einem Flirt mit dieser verträumten Journalistin, die ihn in ihren Bann zog und die starken Säulen seines zunehmend rationalen Denkens wie von Zauberhand zum Einsturz brachte. Doch er wog die Vor- und Nachteile ab, sich weiterhin ganz seiner Karriere zu widmen und die Spitze zu erreichen, oder seinem Herzen eine Chance zu geben und sich ein glückliches Leben mit Delfina vorzustellen. Schließlich, so sein Fazit, „kann ich beides.“ Mit dieser und vielen anderen Überlegungen zeigte er, dass sein Leben nicht, wie ursprünglich geplant, auf ein akademisches Projekt beschränkt sein sollte. Die Liebe hatte ihn in ihren Bann gezogen, ihn dazu verführt, seine Projekte mit ihr zu teilen und sein Potenzial für ungeahnte Entdeckungen zu erweitern. Das Bild des Frauenhelden und intellektuellen Angebers – über den seine Freunde sich endlos lustig machten – begann zu bröckeln, und seine Anziehung zu Delfina wurde immer stärker. Er gab jedoch ungern viele Erklärungen zu seinem Privatleben ab und drückte mit einer Handbewegung sein Unbehagen über die ständige Einmischung in seine Beziehung zu seiner neuen Partnerin aus. Er schlug seinen Freunden vor, das Thema zu wechseln, und manchmal wurde seine Stimme tiefer, als wolle er seine wachsende Wut ankündigen. Jedenfalls respektierten ihn diese Kumpels, viele von ihnen ohne formale Bildung, ungemein, da sie sich von ihrem Freund, mit dem sie aufgewachsen waren, nie benachteiligt fühlten. Und wie man in der Kneipe sagte: Sein Ehrgeiz, etwas zu erreichen, hatte ihn sichtlich in einen brillanten, akribischen und tadellosen Mann verwandelt, der seine Ziele mit kometenhaftem Aufstieg erreicht hatte. Tatsächlich musste er sie einige Monate später bitten, Trauzeugen bei seiner Hochzeit zu sein, die im kleinen Kreis und in aller Stille gefeiert wurde. Teils Familie, teils Freunde beider Familien waren angereist, um an der Feier in einem Festsaal nahe des Viertels Almagro teilzunehmen. Es schien, als würde ein Traum in Erfüllung gehen, in einem Eherahmen, den sich beide gewünscht hatten und den die potenziellen Widrigkeiten – aufgrund der Entfernung und ihrer unterschiedlichen Nationalitäten – nicht überwinden konnten. Das Paar bekam eine wunderschöne Tochter, die sie auf Wunsch ihrer uruguayischen Schwiegereltern Carmen nannten, ein Wunsch, dem die Frischvermählten gerne nachkamen. Delfina gab ihre Arbeit auf, um sich ganz der Erziehung ihrer Tochter zu widmen, und als das Kind älter war, kehrte sie zu ihrer Leidenschaft für den Journalismus zurück.
Was seine Arbeit und sein Denken betraf, so konzentrierte sich Cantarell gewiss nicht nur vehement auf die exakten Wissenschaften, sondern befasste sich als Autodidakt auch mit Philosophie, Semiotik und sogar Freudscher Exegese. Immer wieder tauchten Bilder des Tages auf, an dem er seine Doktorarbeit in Mathematik verteidigte. Seine Eltern waren anwesend und sahen stolz zu, wie ihr Sohn den höchsten akademischen Grad erlangte. Sie blickten ihn mit Tränen in den Augen an, doch glücklich, und er, scheinbar unempfänglich für alle Gefühle, verspürte ein Unbehagen, einen Kloß im Hals, der ihn davon abhielt, in Tränen auszubrechen und der ihn prüfenden Professorenkommission mit größerer Gelassenheit zu begegnen. Als er älter wurde, waren seine Eltern natürlich bereits Teil seiner Erinnerung; dann wünschte er sich mit Anzeichen von Bedauern, er könnte die Zeit zurückdrehen, um dieses verwerfliche und starre Verhalten zu ändern, das ihn daran gehindert hatte, sie zu umarmen und mit ihnen zu weinen. Ihnen sagen zu können: Dank euch, dank eures Opfers, konnte ich mein Ziel erreichen. Doch es war zu spät, einem unwiderruflich unmöglichen Wunsch noch Nachdenken und Hinterfragen hinzuzufügen. So sehr, dass er sich in einem Augenblick wie ein völliger Idiot fühlte, der das Unwiederbringliche reparieren wollte und sich selbst dafür tadelte, ein Narr zu sein, weil er die Realität verändern wollte; insbesondere er, der sich selbst für einen Rationalisten hielt. Anschließend nahm er sich einige Minuten Zeit für Selbstmitleid und bat sein Herz, die törichte Arroganz zu verstehen, die so starr in seinem Denken verankert war. Inmitten dieser tiefen Selbstreflexion erinnerte er sich, fast traumatisch, daran, dass die psychoanalytische Lehre besagt, dass vom Bewusstsein verdrängte Triebimpulse im Unbewussten verbleiben und das Subjekt beeinflussen. Von dieser Erkenntnis ausgehend begann er, sich eingehender mit den Abhandlungen der Psychoanalyse auseinanderzusetzen; und zwar mit solcher Faszination, dass er nachts wach lag und versuchte, die Strategien zu entschlüsseln, die das Subjekt durch die verschiedenen Prozesse seiner Neurose entwickelte, um das Selbst zu formen. Er ging sogar so weit, die Idee zu vertreten, dass Bildung eine Form der Unterdrückung sei, wenn auch eine notwendige und unerlässliche für die Evolution.
Er bewunderte Freud als den bemerkenswertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Medizin des 20. Jahrhunderts. Er suchte nachdrücklich nach dem Zusammenhang zwischen transfiniten Zahlen, Zeit und der furchtbaren Angst, dass der Mensch, wie er analysierte, früher oder später sterben wird. Nichts kann es verhindern oder aufhalten, denn die Vernunft hinterfragt nicht die Realität, und die Realität hinterfragt keine Absolutheiten. Der Mann ist zum Tode verurteilt. Und dies, obwohl er die Möglichkeit hat, sich eine Zukunft auszumalen, zu lieben und geliebt zu werden und bestimmte Ziele zu erreichen, ist, wie er argumentiert, letztlich die ungewisse und beunruhigende Konsequenz, die ihn durch seine Prozesse unaufhaltsam zu einem tragischen Ende seiner Existenz führen wird. Dabei dürfen wir kurioserweise nicht vergessen, dass wir im Laufe dieser Existenz mit möglichen Todesfällen, Erdbeben, Pandemien, Katastrophen, den Verwüstungen des Krieges, sozialen Ungerechtigkeiten, Klassenkämpfen und der heuchlerischen und doppelt unmoralischen Sprache von Politikern konfrontiert werden; und ebenso wenig, wie wir es mögen, leben wir im Angesicht von Widrigkeiten. Obwohl sich der Betroffene seiner Endlichkeit bewusst ist, lebt er gleichzeitig mit einem illusorischen Imperativ der Unverwundbarkeit, der ihn mutig dazu ermutigt, seine Ängste zu bewältigen und ein mehr oder weniger erfülltes Leben aufzubauen. Ohne die Liebe zu verachten, die die treibende Kraft oder das Vehikel seiner Projekte sein könnte, brachte er zum Ausdruck, dass der Mensch sich selbst finden, sich offenbaren und seine Leidenschaften entdecken müsse. Andernfalls durchlaufen sie im Laufe ihres Daseins verschiedene Zyklen, die sie unweigerlich zu einer Sinnlosigkeit im Leben führen werden, und es wird keinen anderen Weg geben als Depression und ständige Selbstmordgedanken. Ich dachte, der extrem materialistische Mensch sehe in spirituellen Wesen einen Heiligenschein der Boheme, der sich in Schwachsinn verdichtet habe; genau wie der erhabene Mensch im materialistischen Menschen - obwohl er es nicht zugibt - einen armen Idioten sieht, der in seinem Elend verloren ist. Während er in seinem anhaltenden und unveränderlichen Schweigen meditierte, war er überzeugt, dass die Wirklichkeit offenbar durch die Umstände der Gegenwart begrenzt ist. Er war jedoch der Ansicht, dass der Mensch in seinem Eifer, im Hier und Jetzt zu leben, die Unausweichlichkeit der Vergangenheit nicht ignorieren kann und sollte, die die treibende Kraft hinter seiner Existenz war: sein Eindringen in die Welt der Dinge, sein Erwachen, seine primären Bedürfnisse, seine Entwicklung, das Zusammenspiel seiner Unschuld mit der ihn überwältigenden, quälenden Realität. Wir dürfen die psychoendokrinogenetische phylogenetische Verbindung nicht leugnen, die sie nicht nur mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit verknüpft, sondern auch ihre Verbindung zu neun Vorfahrengenerationen wissenschaftlich bestätigt. Die Liebe und die gespenstische Ungewissheit ihrer Beständigkeit, ihre Schwächen, die Fantasien, jemand zu sein, der er wahrscheinlich nie sein wird, die erkenntnistheoretische Entwicklung seiner Dialektik, sein Zögern, das ihn dazu bringen wird, dem Stereotyp eines Gewinners anzugehören, oder möglicherweise im Gegenteil, der Frustration. Wir sind anderen gegenüber unangenehm kritisch, aber sehr vorsichtig, wenn wir uns selbst kritisieren. Wir werden ein elendes Leben führen, unterworfen den Etiketten, die wir selbst erfinden, und die Auswirkungen werden so überwältigend sein, dass noch viel mehr Stereotypen als die, die bereits existieren, zwanghaft wiedergeboren werden. Über die Ergebnisse hinaus wartet die Natur erwartungsvoll auf eine Reaktion. Der freie Wille macht uns weiser, dachte ich, aber seltsamerweise führt er uns auch in den Wahnsinn. Und was ist Wahnsinn anderes als die Unfähigkeit, Fantasie von Realität zu trennen?... Das heißt nicht, dass wir jedes Mal, wenn wir in unser Innerstes vordringen, unweigerlich verrückt werden, sondern vielmehr, so argumentierte Cantarell, lernen wir, den Anzug abzulegen, der unseren menschlich grausamen und überflüssigen Charakter begleitet, um zu entdecken, wer wir wirklich sind. Und er fügte ironisch hinzu, wobei er aus tiefstem Herzen die Zähne zusammenbiss, dass der Charakter, den manche von uns wählen, manchmal genauso abscheulich sei wie die Person, die ihn erschaffen hat. Wir werden frei geboren, aber im Laufe des Lebens werden wir durch so viele kulturelle Vorgaben korrumpiert, dass wir am Ende in unserem eigenen Unglück gefangen sind. Cantarell folgerte, dass es durchaus legitim wäre zuzugeben, dass das größte Problem des Menschen die Moral sei. Und wenn dieses Problem existiert, dann deshalb, weil es eine zugrundeliegende spirituelle Krise von enormem Ausmaß gibt, die der Mensch nicht verstehen kann oder will, vielleicht weil er hartnäckig verblendet ist von dem Wunsch, jemand zu sein, der dem Charakter ähnelt, der die soziale Hülle befriedigt, anstatt das zu sein, was er sein sollte, oder sich mit größerer Vehemenz gegenüber sich selbst zu verhalten. Ihre kognitive und rationale Fähigkeit kann ihr volles Potenzial niemals zufriedenstellend entfalten, ohne dass das Gewissen selbst zuvor ein Urteil darüber fällt, wer man ist, und ohne dass Werte und Prinzipien in jedes Ereignis ständig eingreifen. Hierfür können Wille und Intelligenz nicht ohne Moral auskommen, da das Ziel, so vielversprechend es auch erscheinen mag, schädlich sein könnte. Während er in seinem Zimmer auf und ab ging, dachte er darüber nach, dass das Leben in jedem Fall eine Art unvollendeter Gedanken, Wahrnehmungen, Fantasien und Empfindungen sein könnte, die in einer Vergangenheit feststecken, die sich zu offenbaren sucht, unmittelbare Wünsche, die Zukunft zu kennen, um die Gegenwart zu befriedigen, die uns nicht befriedigt. Der Mensch weiß nicht, wohin er geht, weil er ontologisch unwissend darüber ist, wer er ist, was die genaue Bedeutung seiner Natur ist, in welchem ​​Verhältnis seine Existenz zum Universum und zur Welt der Dinge steht. Entscheiden wir mit unseren Gedanken, oder gibt es ein vorbestimmtes Schicksal, das uns auf einen starren Pfad voller Stolpersteine ​​und Versuchungen führt? Ist die Realität das, was wir wahrnehmen, oder sind unsere Wahrnehmungen bloße Interpretationen, die sich aus dem Unterbewusstsein und unserem begrenzten Bewusstsein verbinden? Worin liegt der Unterschied zwischen der Schöpfung und der Selbsterschaffung zu unabhängigen Wesen, die fähig sind, ihr Schicksal zu bestimmen und zu verändern? Der Mensch ist von Natur aus dualistisch, weil die Natur ihn so geschaffen hat. Es ist durchaus möglich, dass die Umstände, so Cantarell in Bezug auf Ortega y Gassets Perspektivismus, die im Subjekt intrinsisch interagieren, mit einem Antagonismus aufgrund der Variablen zwischen seiner Natur, den damit verbundenen Zufällen und dem Wunsch, sein eigener Schöpfer zu sein, übereinstimmen. Ergänzend zu dieser Analyse wies er auch auf Emotionen als einen entscheidenden Punkt hin. Er glaubte, dass jedem Gedanken ein Gefühl vorausgeht, so klein der Gedanke auch sein mag. Aber wenn Sie mich fragen, warum ist der Mensch dual? Ich würde sagen, dass es meiner Ansicht nach einen Konflikt gibt zwischen kulturellem Diskurs, Erziehung, den Meta-Botschaften, die wir von unseren Eltern erhalten, verdrängten Impulsen und einer Moral, die für manche so einschüchternd und voller Vorurteile ist, für andere aber so akzeptiert, erbaulich und aufschlussreich.
Da wir in einer Welt der Sinneseindrücke, der Informationsflut, der gemischten Gefühle und der Gegensätze leben, übt die Moral einen entscheidenden Einfluss auf die Ich-Konstruktion des Charakters des Subjekts aus, selbst unter Berücksichtigung möglicher Verdrängungen seiner Impulse sowie des rücksichtslosen Bruchs der Strukturen, die seine Persönlichkeit verfestigt haben.
Er ging davon aus, dass beim Menschen ein doppelter Standard existiere, der jedoch meist hinter einer starren und überschwänglichen Fassade der Heuchelei verborgen bleibe und ihn daran hindere, sich selbst zu finden und seine Ethik zu überdenken. Er war der Ansicht, dass die trügerische Aussicht auf ein kindliches Leben, im Gegensatz zur überwältigenden Unterdrückung durch das Über-Ich, nicht ausreiche, um die Mängel der Unreife auszugleichen.
Cantarell spürte, dass diese fantastische Pilgerreise den Menschen fehlerhaft, vulgär und mittelmäßig, bösartig und mit einer gewissen Neigung zum Überschreiten von Grenzen prädisponierte, sodass er unsicher durch einen Nebel der Feigheit irrte. Er schlussfolgerte, dass es ihn nicht überraschen würde, zu erfahren, dass ein Ingenieur Gitarre spielen gelernt hatte; vielleicht, so dachte Cantarell, hatte dieser Mensch seinen unerfüllten Wunsch, eine Heldin in der Welt der Musik zu sein, verdrängt, doch seine Erziehung, gepaart mit der von seinen Eltern eingepflanzten Angst, hatte ihn dazu verdammt, Ingenieur zu werden. Und da das eine zwar nichts mit dem anderen zu tun hat, das Gitarrespielen eine menschlich akzeptable Leidenschaft darstellen könnte, die den Einzelnen aus dem Rationalismus herausholt und ihn in das wunderbare und magische Universum der Musik entführt.
In seiner Jugendzeit überkam ihn zeitweise ein seltsames Gefühl, als ob legendäre, mythologische Gestalten von ihm Besitz ergriffen hätten. Meist manifestierte sich dies in seinen Träumen. Doch manchmal, im Wachzustand, wenn er in die Unendlichkeit blickte und eine Schwelle überschritt, hörte er ein ständiges Rauschen von Flüssigkeiten, Kakophonien, Echos von Stimmen, die mit unglaublicher Geschwindigkeit vorbeizogen, und seltsame Wesen, die den Menschen sehr ähnlich waren und deren Erscheinung den Eindruck erweckte, aus längst vergangenen Zeiten zu stammen. Von da an trieb ihn, als Vorbote, seine ewige Angst vor dem Wahnsinn in die Einsamkeit; er schrie sogar auf, als er sich im Badezimmerspiegel betrachtete, seine Pupillen vor Euphorie geweitet, und schwor sich, das Geheimnis mit ins Grab zu nehmen, da er es nicht ertragen konnte, sich als geisteskranken Menschen zu erkennen.
Oftmals war Cantarell versucht, einen Therapeuten aufzusuchen, doch seine Ängste und Vorurteile ließen ihn nachgeben. Er wählte die Mathematik als Zufluchtsort für seine seelische Gesundheit: eine Wissenschaft, die er mit Bravour beherrschte und die ihm inneren Frieden schenkte. Seine Gedanken schweiften zwischen numerischen Berechnungen, Ableitungen, Integralen, transfiniten Arithmetik und Algorithmen; zwischen der Entwicklung und dem Beweis von Theoremen, exakten Gleichungen und Differentialgleichungen. Schließlich war dies seit seiner Kindheit seine Leidenschaft gewesen. Trotz seiner Ängste gab er seine anderen Leidenschaften, die Philosophie und die Psychoanalyse, nicht auf. Er gestand sich diese beunruhigenden Gefühle, die ihn so sehr ängstigten, nie ehrlich ein, denn er hasste es, seine Schwächen zuzugeben. Dennoch malte er sich in bestimmten Situationen aus, wie er auf der Straße verloren war, von Almosen lebte, auf einer Parkbank schlief, mit Pappe bedeckt, umgeben von Ratten – wie jeder Landstreicher, der mit den gesellschaftlichen Regeln und Geboten bricht und sich in seine Einsamkeit zurückzieht. Also, dachte er, es wäre besser, sich von der Uhr, den Formalitäten, den akademischen Ambitionen, den Cliquen, den Reisen und unerträglichen Konferenzen zu verabschieden, sich für diese Sache nicht mehr gut aussehen zu müssen – obwohl er mit der anderen Option sicherlich besser ausgesehen hätte, aber was soll's. Er dachte, ohne große Überzeugung, dass diese Wesen, die aus irgendeinem Grund außerhalb des Systems blieben, aber frei von gesellschaftlichen Zwängen, frei wie Vögel, die einfach sie selbst waren und nichts Schöneres und Reineres als sich selbst, der Sinn des Lebens, vielleicht recht hatten. Vielleicht, dachte er, sind diese Menschen wirklich frei. Ist es die Loslösung von materiellen Dingen und von verwerflichen Regeln, die sie zu dieser ersehnten Suche nach Freiheit führt? Vielleicht, in welchen verzerrten Spiegeln betrachtete sich Mr. Cantarell selbst, im Spiegel seines eigenen Wahnsinns oder im Spiegelbild der phantasievollen Besuche, die er aufgrund selbstbezogener Impulse oft unternahm? Doch sogleich überkam ihn eine Welle der Angst und Furcht, bis er den Kopf schüttelte und beschloss, seine Meinung zu ändern. Sein Blick ruhte auf dem Boden, als wolle er ihn durchschreiten und einen Raum betreten; und von dort einen weiteren und so weiter, verbunden mit unzähligen Räumen, aus denen er jedoch keinen Ausweg fand. In jedem einzelnen spiegelte sich sein Spiegelbild in unzähligen Spiegeln, sein eigenes Bild verwandelte sich in eine endlose Kette von Fata Morganen, die Welt erschien ihm wie ein abscheulich ungelöstes Experiment. So viele Widersprüche, Augenblicke und frustrierende, unausweichliche Suchen ließen ihn glauben, er würde wieder den Verstand verlieren, und er begann zu zittern, auf der Suche nach Antworten auf die Frage nach dem Sinn seines Daseins in dieser Welt. Aber wer hat sich nicht irgendwann einmal, wie Stevensons Roman so brillant schildert, von den Umständen getrieben gefühlt, sich mit dem seltsamen Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu identifizieren?
Er argumentierte, dass es für den Betroffenen unerlässlich sei, eine feste Überzeugung aufrechtzuerhalten, die dem Fundament seines Denkens innewohne. Er hielt jedoch daran fest, dass dieser systemische Zusammenhang nicht zwangsläufig bedeutet, dass nicht unzählige Wege im Laufe des Lebens auftauchen werden, die bestimmte festgefahrene Theorien relativieren, welche die unendlichen Möglichkeiten der Evolution, dieser oder jener bestimmten Denkweise, verarmen oder verschleiern, indem sie sich hinter jener Überzeugung verstecken, die absolut zu sein schien. Er argumentierte, dass der Einzelne seiner Einsamkeit begegnen und sich seinen eigenen Dämonen stellen müsse; und verstehen müsse, dass das Leben kein makelloser Weg sei, sondern dass zum Teil Elend, Stolz, Ego und Heuchelei auftreten würden. Und die schrecklichste Weggabelung, vor der man stehen kann, wird die Erkenntnis des eigenen Selbst sein. Hinter jedem Widerspruch wird sich eine Offenbarung verbergen, die verschiedene Krisen auslösen wird, die ihn zögern lassen und ihn sogar so sehr unkenntlich machen werden, dass er an seiner eigenen Identität und den Überzeugungen zweifeln wird, die ihn in seinem Diskurs starr und scheinbar selbstsicher gehalten haben. Im Verlauf seiner Krisen wird ihn seine fragile Fähigkeit, sich von der Realität zu distanzieren, immer wieder vom Weg abkommen lassen, bis er das Gleichgewicht verliert, und aus dieser Krise wird die Gefahr entstehen, dass er in den Wahnsinn abgleitet. Ob er aus dieser Verstrickung als Sieger hervorgeht oder sich in ihren Labyrinthen spurlos verliert, wird von seiner Willensstärke abhängen. In Bezug auf diese Analyse fragte er sich: Wie kann das Denken kein Interesse an der Tatsache haben, dass der Mensch dual ist, wenn er letztendlich die Folge unendlicher Transformationen der Vorfahren ist, die ihn aufgrund ungewöhnlicher Auswirkungen von Archetypen dazu veranlassen werden, bestimmte Krisen zu erleben? Wäre es konsequent, denselben Diskurs während unserer gesamten Existenz beizubehalten, wie kurz sie auch sein mag, wenn sich die Umstände ändern und wir mit Emotionen und der schwierigen Anpassung an eine Realität interagieren, die sich ebenfalls mit den Umständen ändert? Diese Fragen, die diskursiv charakteristisch für seine Dialektik waren, beruhigten ihn in gewissem Maße, da er im Verdacht stand, schizophrene Züge zu besitzen. Als Vorweg dieser Analyse ging er sogar so weit zu argumentieren, dass Neurose als Paradigma der Normalität nicht völlig abwegig sei. Allerdings schloss er mitunter daraus, dass dieses Paradigma nur vorübergehend Macht über den Menschen ausübe; denn er war der Ansicht, dass es dem Über-Ich nicht immer gelinge, die ständigen Triebe zu unterdrücken, die dem Unbewussten zugrunde liegen und sich im Bewussten durch Emotionen manifestieren. Tatsächlich gelangte er zu dem Schluss, dass Neurosen eine Büchse der Pandora sein könnten. Trotzdem hielt er inmitten von Zweifeln und Widersprüchen daran fest, dass es notwendig sei, unsere Sinne zu schärfen und, wenn möglich, die Realität anzunehmen, da das Unbewusste uns auf zweideutige Weise herausfordern werde, entweder um uns in Verzweiflung zu stürzen oder um unsere Fähigkeiten zu erweitern, um uns zu den richtigen Entscheidungen unseres Handelns anzuregen, um uns an die Ziele zu erinnern, die wir nicht erreicht haben, und sogar um uns für die elenden Taten, die wir begangen haben, streng zu bestrafen. Nun, da er den Menschen in seiner Gesamtheit betrachtete und die unzähligen Wahrnehmungen von seiner Geburt über den Bewertungsprozess seiner Entwicklung bis zu seinem Tod miteinbezog, fragte sich Cantarell: Welche Symbolik wird ihn in seinen Todesqualen heimsuchen? Werden Archetypen unter anderem diejenigen sein, die dem Subjekt geisterhaft in den Momenten vor seinem Tod beistehen? Bei der Analyse der verschiedenen widrigen Umstände wurde festgestellt, dass das Subjekt im Laufe seiner Existenz abstumpft, indem es sich auf verschiedene Stereotypen projiziert, die ihm ein gewisses Wohlbefinden verschaffen, bis es ihm gelingt, eine Persönlichkeit zu formen, von der es glaubt, dass sie endgültig sein wird; aber es ist nie zufrieden, weil es im Korrelat seiner Existenz entdeckt hat, dass die Monotonie es erstickt, manchmal treibt es es in den Wahnsinn.
Schopenhauer lehrt uns, sagte Cantarell mit bemerkenswerter Begeisterung: Der Wille äußert sich im Seelenleben des Menschen in Form eines unaufhörlichen, ungestillten Verlangens, und wenn es dem Menschen gelingt, das Leiden zu lindern oder ihm zu entfliehen, verfällt er unweigerlich in die unerträgliche Leere der Langeweile. Analysiert man den Willen erkenntnistheoretisch, so stammt er vom lateinischen *voluntas*, was „wollen“ bedeutet. Er ist ein intentionaler Akt der bewussten Ausrichtung auf etwas, das als positiv und wertvoll erachtet wird. Ich frage mich, sagte Cantarell, ob der Mensch ein ungestilltes Verlangen nach Gott ist? Der Mensch ist ontologisch ein Gefangener seiner Existenz, seines Seins, seiner scheinbaren Unwissenheit und seiner begrenzten Weltsicht. Es ist unerlässlich zu analysieren und zu verstehen, dass der Trieb, der ihn am Leben erhält, darin besteht, dass er hoffnungsvoll mit einer sagenhaften und imaginären Zukunft der Freiheit koexistiert. Doch wenn man all dies berücksichtigte, war sich Herr Cantarell in einem Punkt absolut sicher: Wie sehr wir auch in unserer Existenz, einer Doktrin oder einer Religion gefangen und unterworfen sein mögen, die einzig plausible und wahre Freiheit ist die unseres Denkens. Selbst wenn es den Preis des Wahnsinns und sogar des Todes riskiert, kann es bekräftigen, dass das Sein unbeschreiblich frei ist, wenn es sich mit seiner Vorstellungskraft dem freien Willen entgegenstreckt und mit den Strukturen und der gesellschaftlichen Verblendung bricht, die es gefangen hielten. Cantarell presste sich die Schläfen, als hätte er Kopfschmerzen, und gab zu, dass Heidegger in seiner lang ersehnten existentialistischen Suche sehr wohl präsent war, wenn er unter anderem feststellte, dass das große Problem der Philosophie nicht die Wahrheit, sondern die Sprache sei. Hegel kündigt uns die Dekonstruktion der Philosophie an. „Vielleicht bin ich nicht der Richtige, um ihm zu widersprechen“, pflegte er seinen nachdenklicheren Freunden in dem Café zu sagen, in dem sie sich oft zu Diskussionen trafen, „aber ich denke, solange die Menschheit existiert“, rief er in professoralem Ton aus, „sollte die Philosophie uns nicht im Stich lassen.“ Ob durch Literatur, Soziologie, Philologie oder sogar Psychologie selbst, sie werden entscheidende Werkzeuge für die Konstruktion des zeitgenössischen Denkens sein.
Als wäre er aus einem sehr langen Schlaf erwacht und nicht ganz sicher, ob er wach war oder sich im Gegenteil in einer unergründlichen, traumähnlichen Träumerei gefangen fühlte, ging Eduardo Cantarell in seinem Pyjama ins Wohnzimmer; dann setzte er sich direkt in den Sessel am Fenster, um die Straße, die Autos, Busse und die vorbeigehenden Menschen zu beobachten; kurzum: die Außenwelt, von der er sich getrennt fühlte, sei es wegen seines Alters oder wer weiß aus welchen anderen Gründen, die er aber irgendwie vermisste. Dann stand er auf, erhitzte Wasser, um Kaffee zu kochen, und blieb regungslos stehen, den Blick auf ein Porträt von Delfina gerichtet. Er hörte das Geräusch von Schlüsseln im Schloss der Haupteingangstür, gefolgt vom Eindringen seiner Tochter Carmen, die auf ihn zukam, um ihn zu küssen und sich darauf vorzubereiten, das Gepäck zu packen. Er blickte sie überrascht an, bis sie ihn daran erinnerte, dass sie in den nächsten Stunden nach Montevideo aufbrechen würden. Sie begleitete ihn ins Schlafzimmer, drehte die Dusche auf, half ihm dann beim Anziehen, besprühte ihn mit Kölnischwasser, damit er besser roch, verriegelte die Wohnung und sie nahmen ein Taxi zum Aeroparque. Im Inneren des großen Gebäudes gingen sie zu den Schaltern, um ihre Fahrkarten zu überprüfen und ihr Gepäck abzugeben. Eduardo Cantarell nutzte einen Moment der Unaufmerksamkeit der Frau, drehte sich um, als ob ihn eine seltsame Kraft anzog, und sein Blick huschte zum Río de la Plata. Seine Tochter Carmen hatte ihn gewarnt, sich nicht mehr als ein paar Schritte von ihrem Standort in der Nähe der Schalter der Fluggesellschaften zu entfernen, wo sie auf ihre Bedienung wartete. Doch ihr Vater, der möglicherweise die Tatsache ausnutzte, dass er sich nicht beobachtet fühlte, ging auf eine der Türen zu, um das Gebäude zu verlassen. Er zögerte einen Moment, bis er sich schließlich entschied, die Straße zu überqueren, einzig und allein aus Mitgefühl für einen älteren Mann inmitten der chaotischen Gefahren des Überquerens der Uferpromenade, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Er wartete nicht, bis die Ampel umschaltete. Infolgedessen schienen ihm die Beleidigungen, die plötzlichen Stopps und das schlechte Wetter egal zu sein, denn als er den gegenüberliegenden Bürgersteig erreicht hatte, zeigte sein Gesicht nicht die geringste Spur von Unbehagen oder Bedauern; es schien, als ob ihm nichts etwas bedeutete. Nur die ihm innewohnende Anziehungskraft seiner Gefühle, getrieben von einer Vergangenheit, die sich in der Gegenwart fortzupflanzen schien. Während er lange auf die Küste Uruguays blickte, begann er sich in seine Jugend zurückzuverwandeln, als Delfina ihn in Montevideo, kurz nach Abschluss seiner Dissertation, ansprach, um ihn zu interviewen. Damals war er ein junger, intelligenter und gutaussehender Mann. Mit seiner Persönlichkeit eroberte er die Welt im Sturm; schon seine bloße Anwesenheit überwältigte alle. So sehr, dass er selbst vor einer schönen und umwerfenden Frau wie Delfina nicht unbemerkt bleiben würde. Im Alter von neunundachtzig Jahren sah die Realität jedoch anders aus; hypothetisch war es die eines Mannes in seinen letzten Tagen, der in der Dunkelheit nach Bruchstücken seiner langen Existenz suchte und Momente in Ehren hielt, die nur für ihn Bedeutung hatten. Und offenbar war er so in seinem Egoismus gefangen, so blind für seine Gegenwart, dass er nicht daran dachte, dass seine Tochter verzweifelt in jeder Ecke des Flughafens nach ihm suchte, mit klopfendem Herzen durch die Menge rannte und sich durch die Menge drängte, um herauszufinden, ob es ihn überhaupt noch gab. Die Frau suchte ihn mit besorgtem Gesichtsausdruck in den verschiedenen Toiletten und im Wartebereich, wo sie angeblich auf ihren Aufruf warteten; allerdings ohne große Hoffnung, da ihr Vater nicht klar genug bei Sinnen war, um bestimmte Informationen wahrzunehmen oder zu behalten. Er dachte, sein Vater hätte vielleicht einen anderen Flug nehmen können, aber sicherlich in ein Nachbarland, da er keinen Reisepass besaß. Allein der Gedanke, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen, war in etwa so, als würde ihn ein Schauer durch den ganzen Körper fahren. Sie sprach mit dem Sicherheitspersonal, um sicherzugehen, dass ihr Vater das Gebäude nicht verlassen hatte, aber sie fühlte sich ziemlich dumm wegen der Frage, die sie gerade gestellt hatte. Sie brach in Tränen aus und verbarg ihr Gesicht, bis eine Polizistin auf sie zukam. Carmen erklärte die Situation und verließ den Aeroparque in Begleitung anderer Polizisten, die zuvor gewarnt worden waren. Sie suchte Deckung genau dort, wo die Taxis ankommen und die Fahrgäste abholen, und wählte die Nummer des Handys, das aus einer Tasche des Anzugs ihres Vaters klingelte, den er ärgerlicherweise an seinem Gürtel hängen hatte. Der alte Mann, überwältigt vom Tosen der Wellen des Río de la Plata und seiner melancholischen Stimmung, hörte das Summen nicht. Seine Tochter versuchte mit Tränen in den Augen einen weiteren Anruf und bemerkte nicht, dass Eduardo Cantarell, als er gerade antworten wollte, das Gerät aus seinen Händen glitt, dumm zwischen seinen Fingern hin und her sprang und schließlich mit der Vorderseite nach unten in den Fluss fiel. Es schien ihm auch egal zu sein. Er wandte den Blick in Richtung der uruguayischen Küste, um in seinen Erinnerungen zu schwelgen, während seine Tochter, begleitet von Flughafenpolizisten, die Küstenstraße überquerte, da diese ihn bereits ausfindig gemacht hatten.
Herr Cantarell war der Ansicht, dass sich in der geometrischen Ebene zwei parallele Geraden, die einen bestimmten Abstand zueinander haben, niemals schneiden. In der projektiven Ebene hingegen ist der gemeinsame Punkt zweier paralleler Geraden ein Punkt im Unendlichen, was die Grundlage des Dualitätsprinzips bildet. Deshalb, liebe Delfina, dachte sie laut, während ihr Kopf vor Kälte zitterte und ihre Augen tränten, so verrückt es dir auch erscheinen mag, sind wir zwei parallele Linien, die sich in der Unendlichkeit treffen werden. Ich halte es für selbstverständlich. Gibt es daran irgendwelche Zweifel? Ich vermisse dich so sehr, ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, aber das Leben ist im Nu an uns vorbeigezogen, und obwohl es vielleicht nicht ganz der Wahrheit entspricht oder ich die Realität vielleicht nicht sehen will, muss ich zugeben, dass ich dieses Gefühl häufig habe; um ehrlich zu sein, war ich jedoch ungemein glücklich. Es wäre töricht von mir, es zu leugnen. Ein Kuss, ein Blick, ein Lächeln sind also letztendlich Ausdruck eines wunderschönen Phänomens dessen, was wir waren, oder, um es meiner Meinung nach deutlicher zu machen, dessen, was wir wirklich sind; was wir so oft zwischen Lächeln und manchmal Tränen angedeutet haben, als wir im Wohnzimmer saßen, uns in die Augen schauten und über deine Dinge, über unsere Dinge sprachen – du wirst mich verstehen. Ich möchte Ihnen sagen, dass das Meer wie die Zeit ist, es hat eine ewige Gegenwart. Und du bist in diesem Meer, aber wo bist du? Es ist so gewaltig, dass es mich schon beim bloßen Anblick überwältigt. Oh, Delfina, ich brauche deine Anwesenheit. Ich habe dich in Mozarts Sinfonien gesucht, in der Friedlichkeit weiter Sonnenuntergänge, wenn die Dämmerung unaufhaltsam hereinbricht und die letzten Klänge in der Verbindung von Liebe und Vergessen verschmelzen. Ich will dich nicht vergessen, und ich kann es auch nicht. Die Einsamkeit holt mich bereits in der Wohnung ein, in der wir so viele Momente miteinander geteilt haben – aber was rede ich da, in unserem gemeinsamen Leben. Deshalb gebe ich nicht auf, denn ich habe dich in Algorithmen gesucht, in transfiniten Zahlen, in der Magie der Fliesen in der Corrientes-Straße, in dem metaphysischen Substrat, das aus einer Ecke eines Cafés in Buenos Aires mit einer Bandoneon-Resonanz hervorgeht. Ich suche dich in meinem Unterbewusstsein mit der trügerischen Vorstellung, dich zu finden. Ich glaube, dass die großen Wahrheiten in jener unbekannten oberen Welt liegen, die die Erinnerung des gesamten Universums birgt. Manchmal habe ich das Gefühl, du bist ganz nah, als würdest du mir ins Ohr flüstern und versuchen, mich zu beruhigen. Ich trage meinen Wahnsinn auf dem Rücken und einen Traum für dich, der mich in meinen Tränen ertränkt. Mir fällt es sehr schwer, aufzustehen. Deshalb möchte ich anerkennen, dass die Welt vor Ihnen schöner erschien, weil der Mond vor Überraschung verfinstert war und die Sterne heller leuchteten. Das Zwitschern der Vögel war unaufhörlich zu hören, das Meer regte sich vor Freude und entfaltete seine Wellen. Vielleicht hat der Rosenstrauch deine Anwesenheit gespürt und ist erwacht. Dann wurde spontan eine Party veranstaltet, ihre Blütenblätter erblühten, und es war gut, dass du vorbeigekommen warst. Die Welt bewunderte dich, schöne Frau, honigfarbene Augen, karminrote Lippen. Dein Lächeln verzauberte die Straßen und verbreitete sich in jeden Winkel des Universums. Die Bäume erstreckten sich vor dir, denn der Wind hatte ihre Blätter in Fetzen gerissen. Oh, strahlende Zukunft… Ich sah dich vorbeiziehen, dein Duft vermischte sich mit meiner Haut, deine Handlungen waren so vollkommen magisch, dass mein Herz überquoll. Oh Frau, welch eine verrückte Liebe tat sich vor mir auf.




FIN

SEINE LEIDENSCHAFT FÜR RENOIR

Ich gestehe offen, dass ich anfangs nicht begeistert von der Idee war, Krauss Folembaider häufiger aufzusuchen; vielleicht noch weniger, da ich seine dunkle und wütende Vergangenheit kannte, die bis heute geisterhaft fortbesteht, wie anachronistische Stimmen, die aus allen Ecken des riesigen Universums, das uns alle betrifft, nach Gerechtigkeit schreien, auch wenn manche diesen schrecklichen Gräueltaten gleichgültig gegenüberstehen. Unzählige Male habe ich über den Platz des Menschen in dieser Welt nachgedacht: seine Wünsche, seine Leidenschaften, seine Ängste und den Sinn, den er seiner verdienten Existenz gegeben hat, in einer qualitativen Ordnung von Prioritäten, die seinem Daseinsgrund innewohnt. Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit waren und bleiben für Denker von großer Bedeutung, die sie in umfangreichen philosophischen Abhandlungen eingehend untersuchen und dabei unter anderem zu dem Schluss kommen, dass es sich um natürliche Rechte handelt, die den Menschen betreffen, und nicht um bloße theoretische Dokumente, die friedlich in einer Bibliothek ruhen. Die Gründe, die mich dazu veranlassten, diesen ehemaligen Gestapo-Offizier, der in Paraguay Zuflucht gesucht hatte, zu verfolgen, sind für mich nicht unangebracht. Um die Realität der Ereignisse und Grübeleien, die ich während meines qualvollen Daseins erahnt habe, zu verstehen, und zwar nicht auf eine trügerische Weise, müsste man nur auf Ereignisse zurückblicken, die leider unaufhaltsam sind, aber auf meine Verzweiflung und meinen Wahnsinn anspielen. Ich stellte mich als Bertram Hendrich vor und ließ, logischerweise, meinen richtigen Namen weg. Zu meiner Überraschung schien mich der unergründliche Blick dieser eisblauen Augen, die von altersbedingt schlaffen Lidern bedeckt waren, bis ins Mark zu durchdringen, als wollten sie mich warnen, dass ich wohl völlig den Verstand verloren habe. Dann ließ er seinen Blick allgemein in Richtung Horizont schweifen, mit einer nonchalanten Miene und der Arroganz eines Mannes, der es verstanden hatte, selbst in äußerst beängstigenden Situationen die Oberhand zu gewinnen. Mein eher unüblicher Beruf als Kurator, meine tiefsitzende Besessenheit und mein perfektes Deutsch haben in dieser schwierigen Situation einen mehr als effektiven Instinkt entwickelt, seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen und ihn zu einem Interview zu überreden. Ich gebe zu, es war keine leichte Aufgabe, angesichts der Strenge seines Amtes die Fassung zu bewahren. Und noch viel weniger bei der ersten Begegnung, bei der er mich mit hartnäckiger Aufmerksamkeit beobachtete und gewissenhaft meine Intelligenz, die Körpersprache meiner Bewegungen, die Wahrscheinlichkeiten meiner ethnischen Zugehörigkeit und den unerkannten Zweck meines ersten Besuchs analysierte. Wir gingen in Richtung Garten und bahnten uns unseren Weg durch den dichten Hain. Dann lud er mich in sein Haus ein; er deutete mir, die kleine Galerie zu besichtigen, die vollgestopft war mit Ölgemälden und Skulpturen, und begann plötzlich mit allwissender Weisheit über Nietzsche, Heidegger und andere Existenzialisten zu sprechen, die er mit überschwänglicher Inbrunst zitierte, bevor er abrupt zum Thema Malerei zurückkehrte. Es wäre auch angebracht, seine feine und respektable Wertschätzung für Kunst sowie seine profunden Kenntnisse der Semiotik und Philologie anzuerkennen. Seine Begeisterung für Renoir – wenn wir über die Maler sprechen – unterstrich den guten Geschmack des Impressionismus. Als ich ihn zum zweiten Mal interviewte, gab er eine großartige Beschreibung des Malers, wobei er in seiner Biografie die elegante Sinnlichkeit seines Werkes hervorhob und sogar eine erhabene Würdigung seiner Gestalt zum Ausdruck brachte. Ein paar Tage vergingen, bevor ich beschloss, zu Kraus Folembaiders Haus zurückzukehren. Als ich klingelte, konnte ich ihn hinter der Fliegengittertür erkennen, als hätte er schon vorher auf mich gewartet und meine Ankunft vorausgesehen. Die Sonnenstrahlen trafen auf das Haus, brachen ihr grelles Licht an den Wänden und trieben die Temperatur auf ein unerträgliches Niveau. Er beobachtete mich beim Trinken mit einem zynischen Lächeln und bedeutete mir, hereinzukommen. Er empfing mich jedoch gut gelaunt, lud mich mit Sherry ein und zeigte dabei eine ungeheure und unerklärliche Freude; vielleicht lag der Grund für seine Euphorie in meinem erwarteten Besuch, dachte ich mit überwältigter Verwirrung, da es für mich viele Gründe gab, meine Skepsis aufrechtzuerhalten, wie mir meine Intuition sagte. Unerwartet begann er über Renoir zu sprechen, während er langsam mit hinter dem Rücken verschränkten Armen ging und zwischen den Schritten innehielt, um nachzudenken. Plötzlich schien sein Blick in den Tiefen der Unendlichkeit verloren, als sei er in flüchtigen Momenten der Melancholie gefangen, bis er mir mitteilte, dass dieser Tag der Jahrestag des Todes seiner Frau Gretna sei. Dann ließ er mich wissen, dass seine Leidenschaft für Renoir ohne Zweifel die schönste Obsession sei, die seine Frau ihm in all den Jahren ihrer Beziehung jemals mitgegeben habe. Anstatt seine harte, lässige Art zu verlieren, bemerkte ich eine gewisse Traurigkeit in seinem Gesicht, die mich zwar nicht berührte, mich aber veranlasste, kurz sein Bedauern zu erwähnen und ihm mein Beileid auszusprechen. Er drehte mir den Rücken zu und begann zu sagen: „Herr Hendrich, oder wie auch immer Sie heißen, ich wusste von Anfang an, was Ihre Absicht war; Sie halten mich doch nicht für einen Idioten, oder?“ Bitte tun Sie, was Sie tun müssen. Ich wartete, bis er sich umdrehte, und wir standen einige Augenblicke da und sahen uns an, dann eröffnete ich das Feuer und sah, wie er mit dem Gesicht nach unten auf den Teppich fiel.

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